Regen, Sturm, Bauarbeiten: Europas „Hauptstadt“ lässt ihre Bürger mit den Zähnen knirschen.
Wie spätestens im Matthäus-Evangelium (Mt 7,25) festgehalten, ist es eher unklug, Häuser auf Sand zu bauen. Die Brüsseler Gründerväter dürften allerdings nicht wirklich bibelfest gewesen sein, denn warum hätten sie sonst ihre ganze Stadt auf einen Sandhaufen gesetzt? Und so freuen sich die Stadtbewohner jedes Mal, wenn „ein Wolkenbruch kommt und die Wassermassen heranfluten“ (Mt 7,27) – was bekanntlich dank des milden, aber feuchten Klimas vom Golfstrom recht oft passiert –, über lehmige Sturzbäche in den Gassen, über die Verwandlung von Brachflächen in ockerfarbene Schlammpisten und über die beliebten Brüsseler „Spritzsteine“: Kopfsteinpflaster werden nicht, wie in Österreich üblich, fest zementiert, sondern bloß mit einem Hämmerchen ins Sandbett geklopft. Der Regen spült den Sand weg, und wenn ein Fußgänger auf so einen losen Stein tritt, spritzt es ihm bis in die Kniekehlen hinauf. Hurra!
Doch auch bei Trockenheit, wenn die „Stürme toben und an dem Haus rütteln“ (noch einmal Matthäus), haben die Brüsseler mit ihrer Stadt viel Freude. Dann steigen nämlich derart wilde Sandstürme auf, dass man glauben möchte, in den Kulissen eines orientalischen Abenteuerfilms gelandet zu sein.
Wie im Film kommen sich auch die Anrainer der derzeit berüchtigtesten Baustelle der Stadt vor. In der pittoresken Rue de la Brasserie haben in den letzten drei Jahren nacheinander Straßenmeisterei, Wasserwerke und Gasfirma alles aufgerissen und zugeschüttet. Als Folge der unkoordinierten Arbeiten sind nun einige Jahrhundertwendehäuser einsturzgefährdet. Klagen? Wohl sinnlos. Vielleicht hilft es, eine Messe in der schönsten Kirche Brüssels lesen zu lassen, in Notre Dame du Sablon. „Sablon“ heißt übrigens Streusand.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)