Während die Banken im Süden Europas wegen des Abzugs von Spareinlagen stöhnen, profitieren die Institute in Österreich und in Deutschland von ihrem sicheren Image.
Wien/Bloomberg/Weber. Nachdem die Käufer von Staatsanleihen schon länger auf die „sicheren Häfen“ im Norden schwören, schichten auch immer mehr Sparer ihr Geld um. Während die Banken in den krisengeplagten Südländern der Eurozone unter einem Schwund ihrer Einlagen leiden, können sich die Institute in Österreich und Deutschland über regen Zufluss freuen: Per 30. April verfügten die heimischen Geldhäuser über Einlagen von Privathaushalten in Höhe von 209,3 Mrd. Euro – 3,4 Prozent mehr als im ersten Quartal des Vorjahres. Das zeigen Daten der Oesterreichischen Nationalbank.
Deutsche Institute verzeichneten einen noch stärkeren Zufluss. Bei ihnen stiegen die Einlagen im selben Zeitraum um 4,4 Prozent auf 2,17 Billionen Euro. Die Leidtragenden sind die Geldhäuser in den „Problemländern“: Von spanischen, griechischen und irischen Banken zogen die Sparer in einem Jahr 6,5 Prozent ihrer Einlagen ab, wie Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigen. In Griechenland allein beläuft sich das Minus auf 16 Prozent.
Angst vor der Drachme
Griechische Sparer fürchten, dass das Land zur alten Währung, der Drachme, zurückkehren könnte. In diesem Fall würden ihre Ersparnisse schlagartig an Wert verlieren, weil die Drachme gegenüber dem Euro abwerten würde. Besonders wegen der Parlamentswahlen am 17. Juni, bei denen radikale Kräfte die Oberhand gewinnen könnten, ist die Unsicherheit hoch.
„Je länger die Schuldenkrise anhält, desto mehr Geld wird nach Deutschland fließen“, glaubt Dieter Hein, Bankenanalyst bei Fairesearch in Frankfurt. „Sparer halten Deutschland für das sicherste Land in der Eurozone.“ Die Deutsche Bank verzeichnete zwischen September und März einen Zufluss von fünf Mrd. Euro. Bei der Commerzbank stiegen die Einlagen allein im ersten Quartal des Jahres um sieben Mrd. Euro – wodurch das Institut darauf verzichten konnte, den Kapitalmarkt zur Refinanzierung anzuzapfen.
„Die deutschen Banken profitieren von der Flucht in die Sicherheit“, sagte Raimund Röseler von der Bankenaufsicht Bafin kürzlich bei einer Präsentation in Bonn. Das ist auch den Ratingagenturen nicht verborgen geblieben: Die Agentur Moody's, die diese Woche die Noten von mehreren Instituten (unter anderem auch in Österreich) nach unten revidiert hat, sagte, die Herabstufungen wären noch deutlicher ausgefallen, hätten die Banken ihre Abhängigkeit vom Kapitalmarkt nicht reduziert. Das wiederum sei auch auf die steigenden Einlagen zurückzuführen.
Auslandsbanken mit hohen Zinsen
Ausländische Institute versuchen, wenigstens indirekt von der Flucht nach Deutschland zu profitieren: Die Spareinlagen bei deutschen Tochtergesellschaften von Auslandsbanken stiegen bis 30. April im Jahresabstand von 60,4 auf 82,9 Mrd. Euro. Um Kunden anzulocken, zahlen sie meist höhere Zinsen als die deutsche Konkurrenz. „Aus Sicht der Banken ist das sehr sinnvoll“, sagt Mark Macrae, Analyst bei dem Finanzdienstleister Wood & Co. „Im Vergleich zu dem, was sie zu Hause zahlen müssen, ist das eine effiziente Art, um an Liquidität zu kommen.“
Einlagen sind eine der Hauptfinanzierungsquellen von Banken. Jene von Privatkunden sind besonders beliebt, weil sie weniger schnell wieder abgezogen werden. Dafür sorgt die Einlagensicherung, die den Sparern im Fall einer Bankenpleite bis zu 100.000 Euro garantiert. Vor einer Währungsreform ist man damit aber nicht gefeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)