Die EM in Polen und der Ukraine wird zu einer physischen, psychischen und auch ästhetischen Herausforderung.
Alle Welt schaut nach Kassel. Diesen affirmativen Satz, der wie ein Bekenntnis zu mehr Ökologie, Feminismus und universaler Kunst wirkt, kann die Redaktion des Gegengiftes für die nächsten dreieinhalb Wochen leider nicht bestätigen. Zumindest die Mehrheit der Flachbildschirmbesitzer schaut seit Freitag bevorzugt und angestrengt nach Warschau, Breslau, Charkiw oder Lemberg, wo bis Anfang Juli unter starkem physischen und psychischen Einsatz dokumentiert wird, dass Fußball noch immer die interessanteste Form der Kinetik ist.
Wo aber sieht der Sportfan hin, wenn er ein Spiel anschaut? Auf den Ball, sagen die Dilettanten. Auf die Füße, sagen die Hobbykicker. Etwas höher hinauf, sagt eine Hedonistin in einer nicht besonders repräsentativen, aber grundehrlichen Umfrage in Erdberg. Die interessanteste, weil komplexe Antwort kommt von einer abgeklärten Liebhaberin der „septem artes liberales“. Sie sehe bei solchen TV-Abenden nicht auf den Bildschirm, sondern mit einem forschenden Seitenblick auf den Partner, der den Bildschirm betrachte. Es fasziniere sie, dass ein erwachsener Mann, den sie an sich für intelligent, wach und sogar sensibel halte, mit einem derart entschlossenen Ausdruck der Blödheit mindestens 90 Minuten ein durchaus uninteressantes Geschehen verfolge.
Im Übrigen, so sagt diese kluge Beobachterin, gewinne jener den stärksten Eindruck von einem Kunstwerk, der nicht nur auf ein Detail fixiert sei, sondern abwechselnd versuche, das große Ganze zu sehen und das Ganze im Kleinen. Dieser Wechsel zwischen Fokussieren und weitem Blick erzeuge ästhetischen Genuss.
Interessanterweise bestätigt das auch ein professioneller Sportexperte mit folgender Klage: Ein Match im TV sei für ihn fast unerträglich, denn die Inszenierungen der Anstalten bedienten die erwähnten Betriebsblinden. Sie sind auf den Ball fixiert. Der aber sei, mit Verlaub, das Uninteressanteste bei der Außenbetrachtung. Wichtig wäre dieser Blick nur für den Verteidiger, der aber immer auch die Körper der Angreifer im Augenwinkel haben müsse. Der Kenner des Fußballsports gehe natürlich ins Stadion, weil ihn das Aufrücken der Viererkette, der Tempowechsel und die Raumverteilung wesentlich mehr beschäftige als ein leicht zu berechnender Ball, dessen Flugbahn für die ganz Langsamen außerdem noch in Superzeitlupe nachgereicht werde.
Würde man einem an sich intelligenten, wachen und sogar sensiblen Menschen die Wiederholung einer Fechtszene im „Hamlet“ zumuten? Dass ein Scherzo von Beethoven noch einmal largo gespielt wird, weil es halt so schön war? Für die ganz Langsamen sogar mit Grafik? Eben. Im Übrigen werde Deutschland siegen. Letzteres zeigt: Auch das im Stadionblick geübte Auge kann sich täuschen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)