Der deutsche Krebsforscher und Nobelpreisträger Harald zur Hausen spricht mit der "Presse am Sonntag" über alte Dogmen der Genetik, über Impfungen gegen Krebs und die Zukunft der Wissenschaft.
Sie haben 2008 den Nobelpreis bekommen für die Entdeckung, dass Viren auch Krebs auslösen können. Die Rolle von Viren wird von vielen Zeitgenossen noch anders gesehen. Ist Ihre Auszeichnung auch eine Anerkennung eines Paradigmenwechsels?
Harald zur Hausen: Sagen wir so: Es gibt heute klare Beweise dafür, dass eine ganze Reihe von Vireninfektionen zu Krebs führen kann. Und dass sie definitive Risikofaktoren für bestimmte Krebserkrankungen darstellen. Die Akzeptanz ist in der Fachwelt weitgehend uniform. Es gibt kaum Ausnahmen. In der Öffentlichkeit scheint das ein bisschen anders zu sein. Aber das wird sich sicherlich auch ändern.
Allgemeiner gefasst: Viren treten in eine viel engere Interaktion mit dem menschlichen Körper als bisher gedacht.
Es geht um Aufnahme von Fremd-DNA in die Zellen.
Lange Zeit herrschte das Paradigma, dass ein Austausch von DNA über Artengrenzen hinweg nicht stattfindet bzw. nicht stattfinden darf.
Das gilt sicher nicht für Infektionserreger: Die scheren sich nicht um Artengrenzen. Es gibt natürlich artspezifische Infektionserreger, aber auch solche, die über verschiedene Arten hinweggehen. Ich glaube, dieses Paradigma in dieser strikten Form ist einfach nicht korrekt.
Das wirft auch ein neues Licht auf die Herkunft der menschlichen DNA – die demnach auch ein Sammelsurium von Erbinformationen von anderen Organismen ist.
Das ist richtig. Wir haben tatsächlich in unserem Erbgut zu zwischen acht und zehn Prozent das Erbmaterial von früheren Virusinfektionen, die das Erbmaterial in unsere Keimbahn einschleusten. Solche Dinge haben für die Evolution vermutlich eine große Rolle gespielt.
Es scheint so, als ob die klassischen Paradigmen der Genetik nicht die ganze Wahrheit erzählt haben...
Klassische Genetik in dem Sinne, dass ein Erbmaterial in entsprechender Weise auch weitervererbt wird, wird in dem Sinne durchbrochen, als hier Aufnahme von fremdem Erbmaterial erfolgt – und damit auch Wechselwirkungen mit einzelnen Genen in der Zelle stattfinden. Das ist nicht mehr im Sinne einer alten klassischen Genetik – aber heute ist das Allgemeinkenntnis.
Zumindest in der Fachwelt. Denn in der Praxis scheint es noch nicht überall angekommen zu sein, dass Viren auch Krebs auslösen können – wenn ich an die Skepsis bei Impfungen gegen HPV denke.
Dieser Widerstand ist besonders in Österreich sehr hoch. Wenn ich richtig informiert bin, dann hat in Österreich die Impfung gegen Papillomaviren noch nicht fünf Prozent überschritten. Sie können leicht vorhersagen, in welchem Ausmaß Gebärmutterhalskrebs in der nicht geimpften Gruppe stattfinden. Wir hatten in Europa im Vorjahr noch 37.000 Fälle, die im Prinzip alle durch Impfung verhütbar gewesen wären. Ich empfinde es als Skandal, dass von den Gesundheitsbehörden in Österreich nicht nachhaltig darauf gewirkt wird, dass die Impfmüdigkeit überwunden wird.
Warum ist das so?
Es scheint so, dass die Impfung vom Gesundheitsministerium nicht mit einer ausdrücklichen Unterstützung nach außen getragen wird. Darüber hinaus finanzieren die Krankenkassen die Impfung nicht. Und in Österreich war ein Todesfall bei einem Mädchen aufgetreten, der von den Angehörigen mit der Impfung in Verbindung gebracht wurde. Was nach meiner Kenntnis aber nicht mit der Impfung in Verbindung stand.
Es gibt überhaupt eine wachsende Impfskepsis. Können Sie das nachvollziehen?
Nachvollziehen kann ich das nicht. Aber ich kann bestätigen, dass es die gibt. Ich befürchte, dass das zu einem guten Teil durch die Aktivitäten der Medien bedingt ist. Das Max-Planck-Institut in Köln hat analysiert, in welchem Umfang Presseberichte über die Papillomavirus-Impfung inhaltlich korrekt waren und den Sachverhalt richtig wiedergegeben haben. Es zeigte sich, dass von 220 solchen Berichten nur einer ganz richtig war. Das finde ich ein ganz miserables Ergebnis.
Zurück zur Wissenschaft: Es werden wahrscheinlich weitere Krankheiten entdeckt werden, bei denen Viren eine Rolle spielen.
Das erwarten wir. Wir wissen es heute nicht. Es laufen viele Untersuchungen, auch bei uns in unserer eigenen Gruppe. Es gibt indirekte Hinweise, aber keine Beweise.
Sie sind heuer einer der Stargäste bei den Alpbacher Technologiegespräche mit dem Thema „Globale Zukunft: Erwartungen an Wissenschaft und Technologie“. Was soll und kann sich der Mensch von Wissenschaft und Technologie erwarten? Und was nicht?
Auf dem Krebssektor, vor allem bei der Prävention, wird sich vermutlich einiges tun. Es sind in den vergangenen Jahrzehnten einige wichtige Fortschritte gemacht worden. Wir können manche Krebserkrankungen zu einem sehr hohen Prozentsatz auch medikamentös sehr gut heilen. Wir haben eine Heilungsrate aller Krebserkrankungen, die um die 50 Prozent liegen dürfte. Ich erwarte, dass sich diese Zahlen in Zukunft verbessern werden. In welchem Umfang, ist schwer vorherzusagen.
Kann die Wissenschaft diesbezüglich als „Heilsbringer“ gesehen werden?
Die Wissenschaft bemüht sich, das Leben der Menschen gesünder und besser zu gestalten. Das kann sich natürlich in Einzelfällen auch nicht besonders positiv auswirken. Wenn wir jetzt z.B. die Kindersterblichkeit auch in Entwicklungsländern reduzieren können, dann steigen dadurch die Bevölkerungszahlen an, und es können in den betroffenen Ländern dadurch auch Notsituationen auftreten. Es ist gelegentlich eine gewisse Ambiguität gegeben. Ein Allheilsbringer ist die Wissenschaft sicher nicht.
Das Generalthema des Forums Alpbach lautet heuer „Erwartungen – Die Zukunft der Jugend“. Bezogen auf Wissenschaft: Kann man heute jungen Menschen raten, diesen Berufsweg einzuschlagen?
Wenn sie das nötige Engagement, die nötige Intensität und großes Interesse für diesen Bereich mitbringen, dann ja. Ansonsten nein.
Das heißt konkret?
Das heißt, dass nicht jeder für die Wissenschaft geeignet ist. Dass aber jene, die sich mit Engagement einsetzen, langfristig erfolgreich sein werden.
Brauchen wir mehr Wissenschaftler?
Ich glaube nicht unbedingt, dass wir mehr Wissenschaftler brauchen. Aber wir brauchen sehr gut ausgebildete und auch originell denkende Wissenschaftler.
Es gibt in der Wissenschaftswelt diese „europäische Krankheit“: Wir sind gut in der Grundlagenforschung, aber in der Umsetzung hinkt Europa den USA hinterher.
Ich weiß nicht, ob diese Aussage so in dieser Form zutrifft. Wir haben in Europa eine immer noch deutliche Trennung der Aktivitäten in den einzelnen Ländern – wiewohl die Europäische Union sie überall zu überwinden versucht und auch deutliche Erfolge aufweist. In den USA ist die Dichte und die Finanzierung der Wissenschaft in der Vergangenheit und fast bis zum heutigen Tage besser als in vielen Ländern Europas. Insofern hat sich dort mehr entwickeln können als bei uns. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass auch hier – in der Wissenschaft – die Grenzen des Wachstums vermutlich erreicht werden.
Das heißt, dass Europa aufholt?
Ja. Europa ist aus meiner Sicht klar auf dem Aufholweg.
Harald zur Hausen,
geboren 1936 in Gelsenkirchen, studierte in Bonn, Hamburg und Düsseldorf Medizin. Nach einem mehrjährigen Forschungsaufenthalt in den USA habilitierte er sich im Fach Virologie, wurde 1972 Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, 1977 an der Universität Freiburg. Ab 1983 leitete er
20 Jahre lang das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.
Bereits 1976
veröffentlichte der Forscher die These, dass humane Papillomaviren (HPV) – die etwa in Warzen vorkommen – eine Rolle bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs spielen. Das ist die zweithäufigste Krebsform bei Frauen.
Lange Jahre wurde zur Hausen für diese Idee angefeindet, mit der Zeit fanden er und seine Fachkollegen aber überzeugende Beweise. Im Jahr 2006 kam der erste HPV-Impfstoff auf den Markt. 2008 wurde ihm schließlich der Nobelpreis für Physiologie zuerkannt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)