Halb voll oder halb leer? Die Forschungsausgaben wachsen zwar wieder – aber von früheren Steigerungsraten ist Österreich weit entfernt.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) werden heuer voraussichtlich um 4,2 Prozent auf 8,61 Milliarden Euro steigen – ein neuer Rekordwert, der die Forschungsquote auf 2,80 Prozent des BIPs klettern lässt. Diese Zahlen der Statistik Austria sind weitgehend unbestritten. Wie sie zu bewerten sind, darüber scheiden sich allerdings die Geister.
Auf der einen Seite ist es eine spürbare Aufwärtsentwicklung gegenüber den Jahren der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise – und so argumentierten die Minister Reinhold Mitterlehner (Wirtschaft), Karlheinz Töchterle (Wissenschaft) und Ministerin Doris Bures (Infrastruktur) diese Woche bei der Präsentation des „Forschungs- und Technologieberichts 2012“ einhellig. Denn 2008 bis 2010 sind die Forschungsausgaben im Jahresschnitt nur um 2,85 Prozent gestiegen.
Kritiker betonen dagegen die andere Seite: In den Jahren 2000 bis 2008 lag die jährliche Steigerungsrate der F&E-Aufwendungen bei satten 8,16 Prozent. Der Präsident des Forschungsrates, Hannes Androsch, sprach daher kürzlich von einer „Stagnation“.
Trotz dieser unterschiedlichen Interpretation sind sich die beiden Seiten in einem Punkt einig: Ziel müsse es sein, dass Österreich zu der „alten“ Dynamik, wie sie bis 2008 herrschte, zurückkehrt. Damals hat sich in der Tat viel bewegt, wie im Forschungs- und Technologiebericht im Detail nachzulesen ist (Download unter www. bmwf.gv.at oder www.bmwfj.gv.at). Zwischen den Jahren 2000 und 2009 sind die Forschungsausgaben in Summe um 60 Prozent gestiegen: im Hochschulsektor um 54 Prozent, bei den Unternehmen sogar um 63 Prozent. Interessantes Detail: Die Ausgaben für Grundlagenforschung haben mit 71 Prozent überdurchschnittlich zugelegt. Die Zahl der forschenden Unternehmen ist von 1942 zur Millenniumswende auf 2946 im Jahr 2009 gestiegen.
Der Aufwärtstrend spiegelt sich auch in der Zahl der Forscher wider: Diese lag im Jahr 2002 bei 65.725 und ist bis 2009 um 47 Prozent auf 96.502 gestiegen. Auch die Zahl der neu angemeldeten Patente wuchs um knapp 40 Prozent auf derzeit rund 1500 pro Jahr. Apropos: Patente zeigen wohl am besten, in welchem Ausmaß wissenschaftliche Ergebnisse in die Praxis übernommen werden.
Von solchen Steigerungen ist man derzeit weit entfernt. Die Ausgaben des Bundes für Wissenschaft und Forschung wachsen heuer zwar um 8,47 Prozent auf 2,87 Milliarden Euro. Dieses Plus stammt aber fast ausschließlich aus der „indirekten“ Förderung (steuerliche Abschreibposten für Forschung) und wirkt daher sehr unspezifisch. Zudem reicht das Plus kaum aus, die sinkenden Erträge der Forschungsnationalstiftung (OeNB) auszugleichen. Die Zuwächse bei den F&E-Ausgaben der Unternehmen sind mit 2,18 Prozent (auf 3,84 Milliarden Euro) hingegen bescheiden. Und die Bundesländer schaffen gar nur ein Plus von 1,82 Prozent.
Beim Weg zurück zur alten Dynamik ist man uneins. Eine rasante Steigerung ist jedenfalls notwendig, um das ambitionierte Regierungsziel einer Forschungsquote von 3,76 Prozent im Jahr 2020 zu erreichen. Dafür fehlen laut Wirtschaftsminister Mitterlehner kumuliert fünf Milliarden Euro. Androsch forderte in der Vorwoche zum wiederholten Male ein Forschungsfinanzierungsgesetz mit einem langfristigen Budgetpfad. Bei der Politik prallte er damit – zum wiederholten Male – ab. Bures, Mitterlehner und Töchterle sagten einhellig, dass sie sich zwar eine langfristige, planbare Steigerung wünschten, ein eigenes Gesetz brauche man dazu aber nicht – das neue System der mehrjährigen Budgetplanung reiche aus. Die erhofften Steigerungen seien erst bei den Budgetverhandlungen in der nächsten Legislaturperiode bzw. beim nächsten Finanzausgleich 2014 möglich.
Bis dahin bleibt vieles liegen: Forschungsbudgets etwa der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), des Wissenschaftsfonds (FWF) oder der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft – um nur einige zu nennen – stagnieren. Neue Initiativen sind derzeit praktisch nur durch Umschichtungen möglich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)