Alphatiere a. D.: Vom Leben als ausrangierter Politiker

Alphatiere Leben nach Politik
Alphatiere Leben nach Politik(c) REUTERS (POOL)
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Manche Ex-Politiker ziehen sich ins Privatleben zurück, andere gehen ins internationale Ausgedinge. Wenn Nicolas Sarkozy, der jüngste Altpolitiker, Pech hat, bekommt er es wie Vorgänger Jacques Chirac mit der Justiz zu tun.

Erstmals in meinem Leben habe ich das Ende meiner Karriere vor Augen. Ich bin 56 Jahre alt, seit 35 Jahren in der Politik, ich habe einen Beruf, und ich würde mein Leben komplett ändern. Sie würden nichts mehr von mir hören, wenn ich verlieren sollte.“

Es war Jänner, vier Monate vor der Präsidentenstichwahl, als Nicolas Sarkozy eine handverlesene Schar Journalisten an seinen Zukunftsplänen teilhaben ließ. Selbstverständlich off the records, und selbstverständlich fanden die Sätze, die einen ganz ungewohnten Sarkozy zeigten, flugs den Weg in die Zeitungsspalten. Der Kämpfer, dem das Selbstbewusstsein aus jeder Pore drang, war einem Zweifler gewichen, der sich schlagartig mit dem Wesen der Demokratie konfrontiert sah: dass Politiker auch abgewählt werden können.

Sarkozy sollte tatsächlich Gelegenheit bekommen, sein Leben radikal zu ändern. Und bisher hat er Wort gehalten: Seit der Wahlniederlage gab er keine Interviews mehr und äußerte sich nicht mehr öffentlich zu politischen Fragen. Er will Gras wachsen lassen über seinen Misserfolg. Neben dem 1981 abgewählten Valéry Giscard d'Estaing ist er der einzige Präsident, dem das Volk eine zweite Amtszeit verweigert hat. Giscard zog sich schmollend in die Provinzpolitik zurück und begann, Romane zu schreiben.

Das ist nicht nach Sarkozys Geschmack. Angeblich hat er schon früher zu Freunden gesagt, er könne sich gut ein Leben ohne Politik vorstellen und habe Lust, „Geld zu verdienen“. Dazu könnte er, wie Bill Clinton oder Tony Blair, Vorträge zu Spitzenhonoraren halten oder Sitze in Aufsichtsräten einnehmen. Der Miteigentümer einer gut gehenden Advokatur könnte sogar wieder als Anwalt sein Brot verdienen.


Comeback-Pläne? Wahrscheinlicher ist, dass er den Sitz im Verfassungsrat einnimmt, der ihm zusteht. Dies würde ihm erlauben, weiterhin zu den großen politischen Fragen Stellung zu nehmen – und mit den anderen Verfassungsrichtern über die Gesetzgebung seines Nachfolgers zu urteilen. Ehrenamtlich wäre diese auf Lebenszeit angelegte Aufgabe keineswegs, vielmehr mit einem Honorar von 12.000 Euro pro Monat ein attraktiver Nebenverdienst. Auch sonst ist für die Frühpension des Ex-Präsidenten gesorgt: Der Staat gönnt ihm Leibwächter, einen Dienstwagen nebst Chauffeur – und ein Büro mit zehn Zimmern in bester Pariser Lage.

In Wirklichkeit glaubt niemand so recht, dass sich dieser ehrgeizige Vollblutpolitiker ganz aus der Politik zurückzieht. Man traut ihm zu, dass er im Stillen sein Comeback vorbereitet. Einen Strich durch solche Pläne könnte ihm die Justiz machen, die ihn nach Ablauf seiner Immunität wegen Verdachts auf illegale Wahlkampffinanzierung, unter anderem durch Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi, befragen will. Ein gerichtliches Nachspiel wäre kein Novum: Sein Vorgänger Jacques Chirac wurde wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt.

Nicht strafbar ist, was Gerhard Schröder nach seinem erzwungenen Auszug aus dem Berliner Kanzleramt tat – ein starkes „Geschmäckle“ hat es aber allemal: Es ist zwar üblich, dass Minister oder Landeskaiser a. D. in der Wirtschaft reüssieren: Die postpolitischen Erfolgskarrieren reichen von Lothar Späth über Wolfgang Clement bis zu Roland Koch, und über die Kritik der Opposition wächst in der Regel bald Gras. Nicht so bei Gerhard Schröder. Der SPD-Kanzler hat es sich nach Meinung vieler ein wenig zu auffällig gerichtet: Als das für ihn Unvorstellbare geschah und Angela Merkel ihn 2005 beerbte, nahm der „Genosse der Bosse“ flugs Zuflucht bei den staatlichen Bossen der russischen Gazprom. Als Aufsichtsratschef ihrer Tochter Nord Stream ist er nun für jene Gaspipeline zuständig, für die er schon als Kanzler großes Wohlwollen empfand. Seine Regierung stellte für ihren Bau zudem ungewöhnlich großzügige Kreditbürgschaften bereit. Selbst Parteifreunde hielten die Volte des legendären Instinktpolitikers für instinktlos.

Zum Gas kam das Öl: Die Freundschaft zum „lupenreinen Demokraten“ Wladimir Putin bescherte Schröder auch einen Job bei der russisch-britischen TNK-BP. Daneben berät der Anwalt die Investmentbank Rothschild, den Schweizer Ringier-Verlag – und das chinesische Außenministerium: dass die Traditionelle Chinesische Medizin in Europa populärer wird, ist ihm ein besonderes Anliegen.


Gas geben. Joschka Fischer stritt lange genug an Schröders Seite. Nach seinem Abgang als Außenminister und einer Gastprofessur in Princeton gab auch das grüne Urgestein im Wortsinn Gas, aber auf der anderen Seite: als Lobbyist für das Konkurrenzprojekt Nabucco. Daneben berät er den Handelskonzern Rewe, Siemens und BMW.

Auch sonst demonstriert Fischer, wie lebendig das Leben nach der Politik sein kann: Im Jahr seines Rückzugs heiratete er zum fünften Mal, diesmal die um 28 Jahre jüngere iranische Filmproduzentin und Society-Lady Minu Barati. Er schreibt Kolumnen für „Zeit“ und „Süddeutsche“ und geht in zahllosen Gastkommentaren hart mit seinen Nachfolgern ins Gericht.
Dafür findet Tony Blair bei all seine Aktivitäten wohl keine Zeit. Der britische Ex-Premier mag zwar seit seinem Auszug aus Downing Street Nr. 10 im Juni 2007 bei Labour in Ungnade gefallen sein (nicht einmal zu Parteitagen wird er mehr eingeladen), und muss sich bei öffentlichen Auftritten oft „Kriegsverbrecher“ schimpfen lassen. Dafür reüssiert der 58-Jährige als Politikberater und Unternehmer: Blair, dessen Vermögen auf mindestens 20 Mio. Pfund geschätzt wird (allein seine sechs Häuser sind 14 Mio. wert), hat ein kleines Imperium aus einem Dutzend Firmen und gemeinnützigen Organisationen aufgebaut.


Keine Berührungsängste. Der rhetorisch brillante Erfinder von „New Labour“ kassiert als Redner angeblich 100.000 Pfund pro Auftritt. Außerdem hat er Beraterverträge mit der US-Investmentbank JP Morgen und dem Versicherungskonzern Zürich für insgesamt drei Mio. Pfund. Berührungsängste kennt er nicht: Über seine Beratungsfirma teilt er seinen Erfahrungsschatz mit den Regierungen von Kuwait, Katar und Kasachstan. Auch zu Gaddafi pflegte er einst enge Kontakte: Er soll den Despoten mehrmals besucht und ihm angeboten haben, Investitionsmöglichkeiten in Afrika zu sondieren. Laut Steuererklärung machten seine Firmen im vergangen Finanzjahr einen Umsatz von zwölf Mio. Pfund, wofür er laut Zeitungsberichten nur 315.000 Pfund Steuern berappte.

Nicht für all seine Tätigkeiten wird Blair bezahlt: So unterstützt seine Stiftung „Africa Governance Initiative“ Länder wie Ruanda und Sierra Leone beim Aufbau demokratischer Strukturen. Außerdem ist Blair sei Jahren unbezahlter Sondergesandter des „Nahost-Quartetts“ und versucht reichlich erfolglos, Frieden zu schaffen. Britische Medien und Antikorruptionsorganisationen werfen ihm vor, seine politischen Kontakte für den eigenen Profit zu nutzen. Blair wies das in einem Interview zurück: „Ich verwende zwei Drittel meiner Zeit für unbezahlte Tätigkeiten. Ginge es mir nur um Geld, könnte ich viel mehr verdienen und ein viel leichteres Leben haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)

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