Auch nach schlechten Konjunkturnachrichten können die Börsen kräftig anziehen, wenn die Experten und vor allem die Marktteilnehmer vorher noch Schlechteres erwartet haben.
Die Aktienindizes reagieren auf Nachrichten von der Konjunktur oft mit starken Ausschlägen. Diese weisen aber nicht zwingend nach oben, wenn es mit der Konjunktur aufwärts geht, und umgekehrt. Auch nach schlechten Konjunkturnachrichten können die Börsen kräftig anziehen, wenn die Experten und vor allem die Marktteilnehmer vorher noch Schlechteres erwartet haben.
Derzeit ist allerdings eher das Gegenteil der Fall. Der „Citigroup Economic Surprise Index“, der die tatsächlichen Konjunkturdaten in Relation zu den Erwartungen setzt, liegt in fast allen Regionen im negativen Bereich, wie aus Daten von Bloomberg hervorgeht. Das bedeutet, dass die Zahlen zuletzt im Schnitt schlechter ausfielen, als zuvor erwartet worden war, dass es also böse Überraschungen gab. Die Folge: Auch die Börsen befinden sich seit drei Monaten im Abwärtstrend, nachdem sie zunächst positiv ins neue Jahr gestartet waren.
In den USA, wo sich der Arbeitsmarkt nicht so rasch erholt wie erwartet, wie auch in Europa sorgen die Konjunkturnachrichten seit April für überwiegend negative Überraschungen (siehe Grafik). Derzeit fallen die Daten in der Eurozone so enttäuschend aus wie zuletzt im November des Vorjahres– damals wurde der Trend aber positiver. Doch nun zeigt die Kurve kontinuierlich nach unten. Besonders enttäuschend fielen die Nachrichten in den Schwellenländern (Emerging Markets) aus. Im Mai drehte der Index der Überraschungen ins Minus und rutschte daraufhin steil ab. Die tatsächlichen Zahlen sind in Relation zu den Erwartungen so schlecht wie zuletzt Anfang 2009. Vor allem die Abkühlung der Konjunktur in China fiel stärker aus als angenommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)