Der britische Dramatiker Simon Stephens über sein Festwochen-Stück "Three Kingdoms". Er erklärt das Wort "bromance" und gesteht sogar, ein stolzer Europäer zu sein.
Die Presse: Ihr Stück „Three Kingdoms“, das ab Dienstag bei den Wiener Festwochen gezeigt wird, erinnert an Krimis. Mögen Sie die?
Simon Stephens: Sie haben mich recht spät in meinem Leben angezogen. Meine Frau mag Krimis, auch die Serie „The Wire“ im Fernsehen. Das ist ganz signifikantes Drama, es hat mich beeindruckt. Der wichtigste Einfluss auf diesem Gebiet war für mich Raymond Chandler. Ich habe seine fünf Romane innerhalb von drei Wochen am Stück gelesen. Sie ergeben in gewisser Weise einen 1600 Seiten langen Roman über Philip Marlowe. Auch die kalifornischen Alpträume des David Lynch haben mich beschäftigt. Es ist doch interessant, wie zentral die Kriminalliteratur in unserem kulturellen Denken heute ist, ob es nun um Kino, TV oder um Bücher geht. Anscheinend ahnen wir in einem breiten Konsens, dass etwas Furchtbares geschehen werde.
Auch Ihre Dramen bergen einige Geheimnisse. Gehört das Enigma zu Ihrer Philosophie?
Als Weltbetrachtung wäre ein Enigma seltsam. Ich würde meine Philosophie mit Unsicherheit und Widersprüchlichkeit beschreiben. Wir haben keine Ahnung, was politisch und ökonomisch passieren wird. Für Eltern führt solch eine Unsicherheit, wie wir sie derzeit erleben, zu Furcht. Wie wird das Leben für meine Kinder später sein? Was hinterlassen wir ihnen? Wenn meine Tochter so wie ich 41 Jahre alt sein wird, in 35 Jahren? Ich bin nicht sehr optimistisch, was diese Welt betrifft. Also sind auch meine Stücke voller Ambiguität, voller Widersprüche und Unsicherheit, voller Rätsel.
Wagen Sie als Dichter eine Prognose für Europa!
Auch Europa steckt voller Widersprüche. Sehen Sie sich doch die Geschichte des Kontinentes an! Ich bin ein stolzer Europäer, was für mein Land selten ist. Wenn man nun von der Möglichkeit spricht, dass Deutschland und Frankreich innerhalb der nächsten 30 Jahre gegeneinander Krieg führen, wird man schief angeschaut, aber an sich ist ein halbes Jahrhundert Frieden zwischen ihnen außergewöhnlich. Wir leben in einer Zeit von immensem Wohlstand, großer Sicherheit, hoher Lebenserwartung. Und doch leben wir in Angst. Das finde ich wirklich interessant.
Ihr Drama wurde bereits in Estland, Deutschland und England aufgeführt. Wie sehr unterscheiden sich die Theaterbesucher in diesen Ländern?
Das Publikum war tatsächlich sehr unterschiedlich. Das hing auch von der Sprache ab. Der erste Teil ist auf Englisch, dann folgt Deutsch, dann Estnisch. In Tallinn sahen die meisten also erst zwei Drittel der Zeit auf die Untertitel. In Hamburg wurde das Deutsche als erleichternde Komik nach befremdenden Passagen empfunden. Nur in London begann es wie ein Heimspiel. Aber der größte Unterschied in der Rezeption betraf wohl die Theatralik. In Tallinn ist man das körperbetonte, intensive Spiel der dortigen Gruppe NO99 gewöhnt, auch in München und Hamburg kennt man diese Spielweise, zum Beispiel von Sebastian Nüblings Inszenierungen. So wie in Tallin war „Three Kingdoms“ dort ein großer Erfolg. In London aber scheint man diese Art Theater zumindest als kleine Revolution empfunden zu haben.
Wie haben die britischen Kritiker reagiert?
Ziemlich negativ, was die etablierten Theaterkritiker betrifft. Aber die junge Szene zeigte sich begeistert, wie man an den Blogs sah. Sie lobte Nüblings Arbeit als absolut brillant. Einige Zuseher verließen das kleine Theater zwar frühzeitig, aber ich habe zugleich auch noch nie ein so aufgeregtes Publikum gesehen, viele von ihnen unter 35.
Warum sind Ihre Stücke im deutschsprachigen Raum so beliebt? Was ist Ihr Geheimnis?
Wenn ich das wüsste. Vielleicht biete ich im Unterschied zu den meisten deutschsprachigen Autoren Stücke, die viel soziale Realität zeigen. Wahrscheinlich liegt es aber auch vor allem daran, dass ich hier mit sehr guten Leuten zusammenarbeite. Ich genieße das.
Mit Nübling haben Sie schon fünf Premieren gemacht. Ist das bereits Liebe? Was macht das Spezielle für Sie an diesem Regisseur aus?
Im Englischen gibt es das Wort „bromance“, eine Beziehung zwischen Männern, die an sich heterosexuell sind. Brüder und Liebende ohne das Sexuelle. Wir sind uns in vieler Hinsicht sehr ähnlich: Väter mittleren Alters, die lieber in einer Rock-Band spielen würden, als im Theater zu arbeiten. Seine Arbeit hat eine ungeheure Klarheit, er füllt jeden Zentimeter der Bühne aus, man erwartet immer außergewöhnliche Vorkommnisse. Vielleicht liegt ihm auch, dass meine Stücke nicht abstrakt sind, sondern von Charakteren und Erzählungen getrieben. Das gibt Nübling mehr Raum bei der Inszenierung.
Zwei Protagonisten Ihres Stückes, der britische Kriminalinspektor Ignatius Stone und sein deutscher Kollege Steffen Dresner, erinnern mich an Faust und Mephisto. Kann man das so sehen?
Absolut. Ich habe beim Schreiben auch an den Teufel als Versucher Christi in der Wüste gedacht, der vom Leben beschädigt ist.
Welchen der beiden bevorzugen Sie?
Für einen atheistischen Hardliner ist der zerstörerische Satan natürlich unwiderstehlich, aber Stone als eine Art Christus ist für mich ein Familienmensch, der Gutes tun will. Das wird aber immer schwerer.
Zur Person
Simon Stephens wurde 1971 in Stockport, Manchester, geboren, er lebt in London. Seit 1998 hat er 25 Dramen veröffentlicht, zudem Hörspiele, Drehbücher. Er gehört zu den wichtigsten britischen Autoren von heute.
„Three Kingdoms“ wurde von Stephens für Darsteller aus London, München und Tallinn geschrieben. Sebastian Nüblings Inszenierung ist im Theater an der Wien vom 12. bis 15.Juni zu sehen. Beginn jeweils um 19:30 Uhr. [Simon Kane]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)