Volkstheater: Kundgebung für die armen Griechen

Prometheus in Athen
Volkstheater: Kundgebung für die armen GriechenArmin Bardel

"Prometheus in Athen" von Rimini Protokoll, die Experten des Alltags zu Wort kommen lassen, diesmal die krisengebeutelten Griechen: sympathisch, aber oberflächlich.

Die Festwochen-Führung übt sich in einer der Abwechslung nicht unbedingt dienlichen Treue. Die Gruppe Rimini Protokoll wurde schon öfter eingeladen, ihre Erkundungen des Alltags sind manchmal spannend, manchmal aber auch banal. Diesmal gibt es ein brandaktuelles Thema: „Prometheus in Athen“ handelt von der griechischen Krise. 2010 stellten 103 Athener in Athen sich und ihre Einstellungen vor. Der Film über dieser Performance war am Wochenende im Volkstheater zu sehen – in aktualisierter Form. Die Krise hat sich verschärft, Mitwirkende von 2010 erzählten live, was seither in ihrem Leben geschah.

Als historische Klammer fungiert Aischylos' „Prometheus gefesselt“, ein Text von archaischer Wucht, den Peter Handke übertrug und mit dem 1986 Bruno Ganz bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule brillierte.

 

Prometheus als Galionsfigur

Klar, das ist lang her. Aber die Verbindung zwischen Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl und dafür an einen Felsen geschmiedet wurde, und den von Rimini Protokoll ausgewählten Experten des Alltags funktioniert nicht wirklich. Viele identifizieren sich mit Prometheus, aber die Erklärungen warum, wirken eher karg und monoton. Auch das Konzept, die Mitwirkenden über essenzielle Fragen („Würden Sie für ihre Familie töten?“) mit „Ich“ oder „Ich nicht“ abstimmen zu lassen, langweilt mit der Zeit.

Man hätte gern mehr erfahren über das, was Griechen heute in den Mythen ihrer Vergangenheit sehen, ebenso über ihre Gegenwart. Es ist eine große Chance, wenn man einmal die Gelegenheit hat, statt randalierender Menschen, karger Passanten-Wortspenden oder Experten Leute in mehr als Schnipseln reden zu lassen. Das wäre eine Erfahrung, vergleichbar den interessanten Kriminalromanen des auch als Kommentator fruchtbaren Schriftstellers Petros Markaris, der sich mit seinem Kommissar Charitos mafiosen Ebenen in vordergründig zivilisierten Gesellschaften widmet.

Trotzdem ist es kein verschenkter Abend: Die in Wien lebende griechische Schauspielerin, die ehemals suchtkranke Psychologin, die Kommunikationsexpertin, die zu ihrem Leidwesen nach London auswandern musste, weil sie in Athen keinen Job fand, oder der Ingenieur, der verzweifelt eine Frau sucht, sie zeichnen das Bild eines Landes, das viele Touristen nur aus der Perspektive seiner Inseln kennen. Dort wird ihnen ein vergleichsweise gemütliches Dasein zwischen Ouzo, Strand und Sirtaki vorgegaukelt – während ein wesentlicher Teil der griechischen Bevölkerung sichtlich mit Zähnen und Klauen um seine Zukunft in Europa kämpft – und den Glauben daran mehr und mehr verliert. Bei der Ursachenforschung ist man allerdings mit den Medien vermutlich besser bedient als mit dem Theater – das aber doch streckenweise stark berührt.

 

Schöne Menschen, herzige Kinder

Vor allem, wenn eine ehemalige Reinigungskraft auf dem Video erscheint, die Korruption aufdeckte und darauf bei einem Säureattentat schwer verletzt wurde. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter einer griechischen Maske und spricht mit einer Stimme, die an die melancholischen griechischen Balladen erinnert, mit denen die Urlauber berieselt werden – meist ohne zu verstehen, welche Tragödien sich in diesen Gesängen ereignen. Das Publikum im Volkstheater reagierte solidarisch, nur einer fragte: „Wann wird die griechische Bourgeoisie ihre Steuern bezahlen?“

Insgesamt bleibt dieses sympathische Spektakel, bei dem man vorwiegend schöne Menschen und herzige Kinder sieht, bis auf wenige Passagen etwas flach und oberflächlich – bis hin zum Dauerlächeln des älteren Herren, der als Beschäftigungsfachmann für eine EU-Behörde arbeitet und sicher mehr gesehen hat, als er hier verraten darf. Auch er verlor einen Gutteil seines Einkommens durch die Krise, ist aber trotzdem froh, noch einen Job zu haben. In der Avantgardebühne Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg wird eine Performance über griechische Migration vorbereitet – aber Wien setzt eben lieber auf das Bewährte.