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Rockerbanden: Das dänische Al-Capone-Prinzip

Symbolbild: Das Mitglied einer deutschen Rockerbande
Symbolbild: Das Mitglied einer deutschen Rockerbande(c) AP (Daniel Roland)
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Für die Polizei war es immer schwer, "Hells Angels" & Co Morde nachzuweisen. Nun jagt sie die Banden - höchst erfolgreich - mit dem Steuerrecht.

Es sieht ganz nach einer Abrechnung im Rockermilieu aus: Sonntag gegen drei Uhr früh fielen am Hintereingang eines Wirtshauses in Berlin-Hohenschönhausen sechs Schüsse. Vier davon trafen André Sommer, führendes Mitglied der „Hells Angels“ in Deutschland, in den Bauch. Er hatte Glück und überlebte, die Ärzte bezeichneten seinen Zustand als stabil.

Schwere Körperverletzung bis hin zum Mord, Drogenkriminalität, Vandalismus: In vielen Ländern hat die Polizei ihre liebe Not mit Rockerbanden wie eben den „Hells Angels“ oder den nicht minder berüchtigten „Bandidos“. In Dänemark tobte der Bandenkrieg besonders heftig: Der Kampf um die lukrativen Märkte für Rauschgift, Prostitution und Waffenhandel wurde ohne Rücksicht auf Verluste geführt, und wenn Unbeteiligte in die Schusslinie gerieten oder sich die Gangster bei ihren Racheakten irrten, hatten die Opfer eben Pech gehabt. 2008 und 2009 war der Bandenkrieg auf dem Höhepunkt, mit Toten, Schwerverletzten und Angst und Unsicherheit, die manchen Stadtteil prägten. Drei Jahre später ist der Konfliktpegel in diesen Vierteln stark gefallen.

Das liegt nicht zuletzt am innovativen Ansatz der Polizisten vom „Kommando Al Capone“. Wie einst Chicagos Justiz des Mafiabosses nicht wegen der Morde habhaft wurde, sondern wegen Steuerhinterziehung, hat sich die Kripo mit Steuerfahndung und Sozialamt verbündet. Dann macht sie Razzien bei Festen der Rocker und beschlagnahmt deren Motorräder, Sportwagen und Goldketten, wenn sie den legalen Erwerb dieser Güter nicht nachweisen können.

 

Fünftel der Rocker bereits hinter Gittern

Viele derer, die mit Harleys und Schmuck für Hunderttausende von Kronen protzen, leben offiziell von Sozialhilfe, sind krankgeschrieben wegen Gebrechlichkeit oder längst in Frühpension. Die Diskrepanz zwischen deklariertem Einkommen und Lebensstil führt unausweichlich auf die Anklagebank. Erst kürzlich schlug die Polizei in der Kopenhagener Vorstadt Ballerup zu, wo sie das lokale Klubhaus der „Bandidos“ stürmte. Auf die Verhafteten wartet ein Prozess wegen Steuerbetrugs in Höhe von rund einer Million Euro. Sicherheiten in Form eines Porsche Cayenne und anderer Wertgegenstände nahmen die Fahnder gleich mit.

„Wir sehen zu, dass wir die Hauptfiguren von der Straße nehmen“, sagt Taskforce-Chef Magnus Andresen – und dazu ist jedes Mittel recht. Ein paar Dutzend Starrocker wurden zwar wegen Mord und Mordversuchs für viele Jahre aus dem Verkehr gezogen. Doch viele der Schießereien bleiben ungeklärt, weil man sich im Milieu lieber die Zunge abbeißt, als der Polizei zu helfen. Statt dann wie früher resigniert die Segel zu streichen, greift man jetzt zum Steuerrecht: Kommt man den Ganoven nicht mit den Strafrechtsparagrafen bei, kann man sie immer noch wegen Wirtschaftskriminalität einsperren. „Unser Ziel ist, ständig 300 Bandenmitglieder hinter Gittern zu haben“, sagt Andresen. Mit gegenwärtig rund 350 Häftlingen aus dem Milieu liegt man sogar über der „Norm“. Das heißt, dass etwa jeder Fünfte aus den kriminellen Netzwerken weggesperrt ist, und wenn das auch nicht bedeutet, dass sie völlig ausgeschaltet sind, ist ihren Wirkungsmöglichkeiten doch ein enger Rahmen gesetzt.

 

Lederweste gegen Krawatte getauscht

Es bremst vor allem auch ihren Vormarsch in die seriöse Geschäftswelt: „Viele Rocker haben ihre Lederwesten mit Bandenzeichen gegen Anzug und Krawatte getauscht“, sagt Andresen. Sie bilden Firmenkonglomerate mit dem Ziel, die Staatskasse zu melken und steuerfreie Einkommen zu generieren. Sie bieten Personal für Bauunternehmen, als Wächter oder in der Reinigungsbranche an, kassieren hohe Stundenlöhne von den oft nichts ahnenden Auftraggebern, zahlen ihren Mitgliedern schwarz die Hälfte, während diese gleichzeitig Sozialhilfe beziehen, und schleusen die Gewinne an Strohfirmen weiter. Die gehen dann in Konkurs, das Geld ist weg, die Steuerrechnung offen. „Sie betrügen den Staat und schalten saubere Konkurrenten aus“, sagt Andresen.

Trotz seiner Rolle als Mafiajäger ist ihm nicht bange. „Persönlich bedroht bin ich noch nicht worden“, sagt er, das entspräche nicht der dänischen Mentalität. Einschüchtern gilt nicht. „Würden sie mich erschießen, wäre das zwar unangenehm für mich. Aber auf den Einsatz gegen die Kriminalität hätte das keinerlei Einfluss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)