Anleihen: Als Venedig den ersten Schuldenberg anhäufte

Gondolas engage the waters in front of Venice's St. Mark's Square, northern Italy, Friday, July 23, 2
(c) AP (Luigi Costantini)

Wie viele Geschichten beginnt auch jene der Staatsanleihe mit einem Krieg. Um teure Söldner zu finanzieren, verschuldeten sich italienische Stadtstaaten im Mittelalter bei ihren Bürgern.

"Kaum steigt irgendwo die Rendite zehnjähriger Anleihen, schon wird der Weltuntergang verkündet", sagte der deutsche Notenbankchef Jens Weidmann einmal in einem Interview. Noch ist die Welt nicht untergegangen, aber die fallende Kreditwürdigkeit von Staaten hat immerhin die Euro-Krise ausgelöst. Grund genug, sich der Entstehungsgeschichte der Staatsanleihe zu widmen.

Der griechische Philosph Heraklit bezeichnete einmal den Krieg als "Vater aller Dinge". Betrachtet man die Geschichte der Anleihen, ist man geneigt, ihm recht zu geben: Erfunden wurden die Bonds bereits im tiefsten Mittelalter - in einer Zeit, in der Zinsen noch als Wucher galten und von der Kirche verboten wurden. Doch nur wer das nötige Kleingeld hatte, konnte eine Schlacht gewinnen. Und um daran zu kommen, waren die Regierungen stets kreativ.

Zinsen als Entschädigung "getarnt"

Der italienische Stadtstaat Venedig war im 12. Jahrhundert die erste Republik, die auf die Idee kam, sich bei ihren eigenen Bürgern zu verschulden. Das schreibt der britische Historiker Niall Ferguson in seinem Buch "Der Aufstieg des Geldes". Anders als bei modernen Anleihen handelte es sich bei den sogenannten "presitit" um Zwangsdarlehen. Da die Anleihen obligatorisch waren, erlaubte der Papst Zinszahlungen, indem er diese einfach als Entschädigung deklarierte. Die Gläubiger erhielten so halbjährlich fünf Prozent Zinsen für ihre Anleihen. Die Anleihen wurden weiterverkauft, schon bald entstand ein florierender Sekundärmarkt. An diesem konnte man schon dazumal ablesen, wie hoch das Vertrauen in den Staat war.

Auch in Österreich beliebt: Kriegsanleihe aus dem Jahr 1915
Übrigens hat auch das Wort Schuldenberg seinen Ursprung im mittelalterlichen Venedig. Die angehäuften Verbindlichkeiten wurden "monte vecchio" (alter Berg) beziehungsweise "monte nuovo" (neuer Berg) genannt.

Die erste große Finanzkrise erlebte Venedig um 1500, als es zeitgleich gegen die Lombardei und das Osmanische Reich Krieg führte. Regelrecht zusammengebrochen ist der Markt, als die Republik 1509 die Schlacht von Agnadello gegen Frankreich verlor. Niemand glaubte mehr daran, dass der Staat seine Schuld je begleichen wird: Der Wert der Anleihen rasselte in den Keller, zeitweise wurden sie nur noch um drei Prozent des Ausgabewerts weiterverkauft. Damit schnellten die Zinsen - die auf den Nominalwert der Anleihe gezahlt wurden - in astronomische Höhen. Das hatte Auswirkungen auf das gesamte Wirtschaftssystem.

Florenz knackte beinahe die Maastricht-Grenze

Auch das mittelalterliche Florenz bediente sich bei seinen Bürgern, um ein teures Söldnerheer finanzieren zu können. Schon Anfang des 15. Jahrhundert entsprach der Schuldenberg mehr als der Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung, bewegte sich also nahe der heutigen Maastricht-Obergrenze von 60 Prozent. Und auch hier florierte der Sekundärmarkt. Warum eigentlich, fragt man sich an dieser Stelle. Damals existierte schließlich weder eine moderne Demokratie noch gab es komplexe internationale Verflechtungen, also hätte ein Staat doch einfach die Zahlungen an die Schuldner einstellen können.
Doch in Florenz regierten genauso wie in anderen italienischen Stadtstaaten die reichen Familien, es gab keine Erbmonarchie. „Die Emittenten der Anleihen waren im großen Ganzen auch diejenigen, die sie erwarben. Deshalb hatten sie natürlich ein starkes Interesse daran, dass ihre Zinsen auch gezahlt wurden".

Das System verbreitete sich von Italien aus in andere europäische Länder, vor allem in den Vereinigten Provinzen der Niederlanden führten sie zu einem großen politischen Erfolg: Holland erkämpfte sich im Achtzigjährigen Krieg von 1568 bis 1648 die Unabhängigkeit von Spanien. Finanziert wurde der Krieg großteils durch eine ganze Reihe kreativer neuer Papier, darunter zum Beispiel sogenannten Lotterieanleihen. Die niederländischen Bonds konnten im Gegensatz zu den Vorgängern aus Italien freiwillig erworben werden - und wurden dennoch ein durchschlagender Erfolg. Als das kleine Land später begann, Kolonien einzunehmen, wuchs der Schuldenberg immer weiter. Dennoch hatten die Niederlande nie ein Problem, sich frisches Geld zu günstigen Konditionen zu besorgen. Im Gegenteil: Die Rendite sanken auf einen Tiefpunkt von 2,5 Prozent im Jahr 1747. Das deutet auf das große Vertrauen der Bürger in ihren Staat hin - hätten sie sich schon damals auf Ratingagenturen verlassen, hätte das Ergebnis wohl anders ausgesehen.

„Bisher dachte ich immer, wenn es die Reinkarnation gibt, dann will ich als Präsident oder Papst oder Baseballstar wiederkehren. Aber jetzt will ich als Rentenmarkt wiederkehren. Der schüchtert jeden ein.“

Bill Clintons Wahlkampfmanager James Carville

Noch tiefer greifende Veränderungen lösten die Staatsanleihen im absolutistischen Frankreich aus: Dort funktionierte der Anleihenmarkt nämlich überhaupt nicht- Immer wieder stellte der Ludwig XVI. seine Zahlungen ein. "Wenn die Leute den König für einen Despoten halten, wird es unmöglich, an Kredite heranzukommen", zitierte "Zeit.de" aus dem Brief eines frustrierten Beamten. Dies hat schließlich dazu geführt, dass die absolutistische Monarchie 1788 den Staatsbankrott einräumen musste. Ein Jahr später begann die französische Revolution.

Im Laufe der Zeit wurden noch viele Kriege über Anleihen finanziert - heute hängt die Stabilität ganzer Gesellschaftssystem daran. Ferguson schreibt in seinem Buch, nicht nur Ian Flemings "Bond" habe die "Lizenz zum töten". Diesmal könnte es den Euro treffen.