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Zunahme der Armut: Wo ist sie?

Analyse. Oft behauptet: Die Armut wachse in Österreich. Doch dieses Mantra von Politikern und Soziallobbies findet sich in den Statistiken nicht so eindeutig wieder.

Es ist statistisch eindeutig be legbar, dass Armut in Öster reich existiert und ein Problem darstellt. Es ist aber - trotz vieler gegenteiliger Behauptungen - statistisch nicht nachweisbar, dass in den vergangenen Jahren die Armut oder auch die Ungleichheit in Österreich gewachsen ist. Tatsächlich lassen die vier wichtigsten Statistiken, die gewöhnlich als Beleg für wachsende Armut genannt werden, eher eine Stagnation erkennen. Die "Presse" hat diese vier Statistiken genauer unter die Lupe genommen, um ein klareres Bild zu bieten, was man über das Ausmaß von Armut in Österreich wirklich weiß.

  • Diese vier maßgeblichen Statistiken sind:
    Die Armutsgefährdung: Gemessen wird, wie viele Menschen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Österreicher verfügen.
  • Die "verfestigte" Armut: Sie umfasst alle Armutsgefährdeten, die tatsächlich auch auf wichtige Wohlstandsmerkmale verzichten müssen wie etwa ausreichende Heizung oder PC.
  • Die Sozialhilfe-Statistik.
  • Die langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in der Bevölkerung.

Alle vier Statistiken beruhen auf Messungen und Erhebungen der Statistik Austria, dem ehemaligen Statistischen Zentralamt. Die langfristige Einkommensentwicklung war zudem vor wenigen Monaten Gegenstand einer umfangreichen Untersuchung des Wifo. Sowohl die Statistik Austria wie auch das Wifo haben in ihren Publikationen deutlich darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse in ihrer Aussagekraft beschränkt sind bzw. sehr vorsichtig interpretiert werden müssen. Umso erstaunlicher ist es, dass dennoch zahlreiche Personen aus Politik und Soziallobbies ohne jede Einschränkung genau diese Statistiken anführen, um ihre Behauptung einer wachsenden Zahl von Armen zu unterstützen.

Beginnen wir bei der Armutsgefährdung: 13 Prozent aller Österreicher gelten als armutsgefährdet, das sind immerhin 1,044.000 Personen. Ihr Einkommen liegt unter der vom Volksmund "Armutsgrenze" genannten Marke von 60 Prozent des mittleren österreichischen Einkommens.

Die Zahl ist die jüngste veröffentlichte. Sie wurde im Jahr 2003 in einer Umfrage erhoben und bezieht sich auf das Einkommensjahr 2002. Tatsächlich ist in dieser Umfrage die Armutsgefährdungsquote höher als in der letzten Erhebung davor, die sich auf das Jahr 2000 bezog. Damals wurde nur eine Quote von zwölf Prozent gemessen.

Doch was auf den ersten Blick wie eine Bestätigung des angenommenen Trends der wachsenden Armut erscheint, ist es auf den zweiten Blick nicht mehr. Erstens ist die Ungenauigkeit der Umfrage - obwohl mehr als 4000 Haushalte befragt wurden - größer als die Differenz der Ergebnisse der letzten Jahre. Martin Bauer, in der Statistik Austria für die Erhebung zuständig, erklärt, dass die Quote eine Ungenauigkeits-Bandbreite von schätzungsweise 1,5 bis zwei Prozentpunkten habe. Es könnte also theoretisch sogar sein, dass 2002 weniger Menschen armutsgefährdet waren als im Jahr 2000.

Gravierender als die bloße statistische Unschärfe ist aber die Tatsache, dass das Ergebnis von 2003 mit den früheren nur eingeschränkt vergleichbar ist, da 2003 die Umfrage neu gefasst wurde. Zuvor waren jedes Jahr immer dieselben Menschen befragt worden, im Rahmen des sogenannten Europäischen Haushaltspanels (ECHP). Wie die Statistik Austria in ihrer Veröffentlichung der Daten im Mai 2005 schrieb, fallen bei einer solchen Beobachtungsgruppe im Lauf der Zeit immer wieder armutsgefährdete Haushalte heraus, sodass sich schon durch diesen Effekt eine gewisse (rein statistische) Abnahme der Armutsgefährdung ergibt: "Daher kann durch die Befragung einer neuen und größeren Bevölkerungsgruppe von einer besseren Repräsentativität und Erfassung von Niedrigeinkommenshaushalten ausgegangen werden."

Seit 2003 gibt es nun dieses größere Sample - und allein schon das kann den Anstieg der Armutsgefährdungsquote erklären, ohne dass überhaupt ein tatsächlicher Anstieg der Armutsgefährdung stattgefunden hat. Darauf weist die Statistik Austria explizit hin, wobei sie allerdings offen lässt, ob nicht auch tatsächlich ein Anstieg stattgefunden hat.

Die neue Umfragemethode geht übrigens auf die EU zurück, die ein für die gesamte Union genormtes Verfahren zur besseren Vergleichbarkeit der Daten einführen will. Sie heißt daher auch nicht mehr ECHP, sondern Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC). Seit 2003 werden dazu in Österreich jährlich fast 12.000 Personen befragt, wobei jedes Jahr ein Viertel der Beobachtungsgruppe ausgetauscht wird, damit sich der oben erwähnte Effekt einer scheinbaren Abnahme der Armut nicht ergibt.

Auch 2004 und 2005 wurden solche Befragungen durchgeführt, die ersten Ergebnisse daraus werden allerdings erst in wenigen Wochen veröffentlicht. Dann - und wirklich erst dann - sind wieder exaktere Aussagen über Trends zulässig.

Ermittelt wird in beiden Verfahren das Netto-Gesamteinkommen jedes Haushalts im abgelaufenen Jahr: Erwerbseinkommen, staatliche Zahlungen wie Pensionen, Arbeitslosengelder, Notstandshilfen, Sozialhilfen, Familienbeihifen, private Zahlungen wie Alimente und Vermögenseinkünfte, also Zinsen, Dividenden usw. Nicht erfasst wird lediglich die Auflösung von Vermögen: Lebt etwa jemand ausschließlich vom Verkauf seiner Aktien, wäre er laut dieser Statistik armutsgefährdet.

Das solcherart ermittelte Haushalts-Nettoeinkommen wird durch die Zahl der Haushaltsmitglieder dividiert. Diese Zahl wird gewichtet: Die erste Person hat den Faktor 1,0, jede weitere 0,5 und Kinder unter 14 Jahren 0,3 (bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kleinkind etwa wird das Haushaltseinkommen durch 1,8 dividiert). Das Ergebnis wird jedem Haushaltsmitglied als sein Einkommen zugerechnet. Reiht man alle auf diese Weise erfassten Einkommen der Höhe nach, so ist jenes genau in der Mitte dieser Liste das Medianeinkommen.

Der Wert von 60 Prozent dieses Medians ist die berühmte Armutsgrenze, korrekt: die Armutsgefährdungsschwelle. Wer weniger verdient, gilt als armutsgefährdet (bei der Erhebung 2003 betrug die Schwelle 785 Euro netto, zwölf mal im Jahr).

Dass mehr als eine Million Österreicher nicht einmal diesen Betrag zur Verfügung haben - knapp 25 Euro pro Tag für Essen, Wohnen, Mobilität, Kommunikation, Unterhaltung -, mag als Beleg für eine noch immer unbefriedigende Entwicklung des Massenwohlstandes gelten, auch wenn Österreich mit einer Quote von 13 Prozent im guten Europäischen Mittelfeld liegt (Schweden hat mit neun Prozent die niedrigste Quote an Armutsgefährdeten, Irland mit 21 Prozent die höchste). Immerhin zeigt sich aber, dass die staatlichen Sozialsysteme kontinuierlich zur Armutsvermeidung beitragen. Ohne Sozialtransfers wäre die Quote der Armutsgefährdeten um elf Prozentpunkte höher, als sie es ohnehin schon ist. Dies war übrigens im Jahr 2000 exakt dasselbe.

Freilich hat die Aussagekraft der Armutsgefährdung auch ihre Grenzen. Ist jemand arm, auch wenn er sich nicht so fühlt? Immerhin sagen etwa nur 56 Prozent der armutsgefährdeten Pensionisten, dass ihr Einkommen geringer sei als benötigt. Außerdem berücksichtigt die Erhebung nur das Einkommen, nicht aber die Kosten des Haushaltes. Darüber, was sich einer wirklich leisten kann, sagt diese Statistik also noch nichts.

Auch sagt die Quote allein noch nichts darüber aus, ob die Armutsgefährdeten großteils eher näher an den 785 Euro liegen oder so gut wie nichts zum Leben haben. Um hier klareren Aufschluss zu geben, müssen weitere Beobachtungen einbezogen werden. So gelangt man etwa zur "verfestigten Armut", also jenen Menschen, die tatsächlich Selbstverständlichkeiten entbehren müssen. Deren Zahl scheint sich von 2000 bis 2003 beträchtlich erhöht zu haben. Aber auch hier spricht die Statistik in Wirklichkeit eine andere Sprache.

Morgen in der "Presse": Der Phantomanstieg der verfestigten Armut.