Ein Pornothriller: Im Labyrinth der europäischen Unterwelt

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Sebastian Nübling inszeniert „Three Kingdoms“ körperbetont. Bis zur Erschöpfung. Am Beginn steht flottes Theater als ironisierte Variation des TV-Thrillers.

Wie ein gut gemachter Krimi beginnt Sebastian Nüblings Inszenierung von „Three Kingdoms“, der britisch-deutsch-estnischen Koproduktion, die am Dienstag bei den Wiener Festwochen Premiere hatte. Die erste von gut drei Stunden in dem Drama von Simon Stephens gehört fast ausschließlich den britischen Darstellern, und diese Londoner Szenen bleiben auch die stärksten in einer ihrer Natur nach gar nicht auf Einheit zielenden Aufführung. Es folgt ein etwas umständlicher, garstiger Teil in Hamburg, in dem sich Englisch und Deutsch mischen. Das Finale spielt in Tallinn – da läuft die Sache dann aus dem Ruder. Solch ein exzessiver, körperbetonter Nübling-Abend lohnt sich zwar allemal, ist am Ende aber doch etwas anstrengend.

Am Beginn steht flottes Theater als ironisierte Variation des TV-Thrillers. Zwei abgehetzte Londoner Kriminalisten verhören einen jungen Mann, der eine Tasche in die Themse warf. Sein Pech: Sie wird rasch angespült, und darin verpackt ist ein Frauenkopf, der mit einer Säge vom lebenden Objekt entfernt wurde. Im Haar klebt Sperma, die Folter wurde gefilmt. Solche Grauslichkeiten werden, durch Komik entschärft, bereits in den ersten Szenen offenbart.

Man wird dem Milieu von Luden, Huren, korrupten Cops und Pornofilmern ausgesetzt. Die Verbrecherjagd führt durch drei Länder, durchmischt gründlich Gut und Böse. Am Ende steht wieder ein Verhör, das all diese sich verzettelnden Ermittlungen auf den Kopf stellt. Bis es aber so weit ist, werden mehrere Höllenkreise durchschritten, bei denen sich die Darsteller aus London, München und Tallinn je nach ihrer Façon, vor allem aber entsprechend den bildstarken Wünschen des Regisseurs, austoben können.

Kriminalist mit Wahnvorstellungen

Eine famose Darbietung gibt es von Nick Tennant als Detective Sergeant Ignatius Stone, der in allen drei Teilen präsent ist. Er ist depressiv, mit einer um 15 Jahre jüngeren Frau verheiratet, trinkt viel und leidet unter Schlaflosigkeit. Stone hat Ängste und ein Geheimnis. Seine Ermittlungen in Hamburg und Tallinn sind ein Höllentrip. In Deutschland muss ihm der mitgereiste Kriminalinspektor Charlie Lee (Ferdy Roberts) übersetzen (umgekehrt zum ursprünglichen Text), was ihnen der deutsche Kollege Steffen Dresner (Steven Scharf) sagt. In Estland ist Stone ohne Lee auch sprachlich verloren in seiner Suche nach dem „White Bird“, dem Paten dieses unheimlichen Syndikats.

Die Frauen tragen zur symbolischen Überhöhung erniedrigender Sexszenen Rotwild-, die wirklich bösen Männer Wolfsmasken. Der Dreh eines Pornos wird zur Skurrilitätenshow. Ist diese Befriedigung perverser Schaulust unter dem engagierten Einsatz eines Baseballschlägers, eines Besenstiels und von Gummigliedern diverser Größen bereits Satire? Nein, das sind keine Exkremente, die ein Darsteller an die Wand schmiert, keine Blutspuren, sondern Fruchtsauce und Schokolade, sagt man sich, das ist kein Samenerguss, sondern Oberscreme. Auch die Gewalt ist ja nicht echt, sondern fantastische Akrobatik, bei der einmal sogar ein Teil der Bühne zu Bruch geht. Nübling zelebriert den Exzess. Bis zur Erschöpfung.

Ein Teufel, der die Schwachen versucht

Dresner aber, der von Scharf mit diabolischer Heiterkeit, aber doch vergleichsweise hölzern gespielt wird, scheint sich in dieser Unterwelt richtig wohlzufühlen. Er ist der Versucher für die Engländer und offenbar in die Kriminalszene, der von West- nach Osteuropa gefolgt wird, tief verstrickt. Er kennt die Schwächen der Londoner Beamten und ist in seinen Verhörmethoden viel weniger zimperlich als sie. Das ist aber gar nichts im Vergleich zum Körpereinsatz, den vor allem die estnischen Darsteller zeigen. Hervorragend sind dabei vor allem die Einlagen von Risto Kübar, der als Transvestit die Frauen an die Wand spielt und auch als Sänger brilliert: „La Paloma“ ist eine schmutzige kleine Taube, verloren im lustvoll zelebrierten Tumult, in dem die großen Monster lauern.

„Three Kingdoms“ wurde für die dreisprachige Aufführung von Barbara Christ und Anu Lamp ins Deutsche bzw. Estnische übersetzt. Die Koproduktion von Teater NO 99 Tallinn, Münchner Kammerspielen und Lyric Hammersmith Theatre ist noch am 14. und 15. Juni im Theater an der Wien zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2012)

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