Joseph Gerger: Auf die Stirn geschrieben

Füllwortalarm in Kunst und Kultur: Joseph Gerger legt sich mit Worthülsendreschern an.

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Am liebsten würde Joseph Gerger sich ja „namentlich ganz aus dem Spiel nehmen“, meint er, und sein kunst- und systemkritisch angelegtes Projekt, die „Sozusagen Collection“, als Kreation eines fiktiven „Messias der Mode“ an die Öffentlichkeit bringen. Das jedoch würde unter den Lesern dann doch große Verwirrung stiften, weil weder das Wo noch das Wie oder Warum dieser messianisch auftauchenden Kollektion ergründbar wäre. Und das wiederum leuchtet auch Gerger ein, der an der Seite von Österreichs Dirndl-Couture-Vorzeigedesignerin Susanne Bisovsky lebt und arbeitet.

Kuratorenschelte.
Konkretestes Indiz für die Wirkungsabsicht ist der Titel der Kollektion (die im engeren Sinn gar keine ist, weil sie lauter Unikate umfasst, es sie nirgends zu kaufen gibt und sie auch nicht unbedingt ausgestellt werden soll), denn, so Gerger: „Sozusagen ist ein Füllwort, das sich wie ein Virus verbreitet. Ich beobachte das mit Schrecken. Es ist das Lieblingswort all jener, die mit der Arbeit anderer tun.“ In einem Begleittext drückt er noch deutlicher aus, wer diese „mit der Arbeit anderer Tuenden“ sind, denn da heißt es: „Sozusagen ist wie/An und für sich/Eigentlich/Quasi/Irgendwie/und Wirklich/das primäre Füllwort/der Kuratoren, Kuratorinnen.“ Nachdem er wortgewaltig das Terrain vorbereitet hat, führt Gerger eine Reihe von künstlerisch-künstlichen Accessoires und Modeteilen vor. Und das, obwohl er von der nicht enden wollenden Zahl disziplinen-übergreifender Projekte wenig hält: „Die Vermischung zwischen Kunst und Mode ist die fatalste Dummheit, die überhaupt passieren kann. Die Mehrheit der Menschen auf dem Planeten braucht keine Kunst am Körper.“ Zu bestaunen gibt es im Lookbook des fiktiven Labels zum Beispiel einen Wallfahrtsponcho für Kuratoren (mit Dürers betenden Händen bedruckt), ein Wams aus Fischhäuten und diverse Kappenkreationen.

Plakativ. Die Schildmütze bespiele ja, so Gerger, die Parade-vorzeigefläche des Körpers („Niki Lauda war einer der Ersten, die das erkannt haben.“). Deshalb widmet er besondere Aufmerksamkeit den „Totally Free Caps“ (mit Aufschriften wie dem Mutterfüllwort „Sozusagen“, auch „Anundfürsich“, „Passt“ oder „Nogo“) sowie den „Spirit Bound Caps“, die die Sozusagen-Kollektion komplettieren – mit „Dr. Noever“, „Dr. Matt“ oder „Wurm“ sind diese Modelle prominenten Vertretern der Kunstszene gewidmet, mit der sich Gerger mehr oder weniger ernsthaft anlegt.

Fraglich bleibt allerdings, wie viele Teilnehmer Joseph Gerger für sein nächstes Projekt wird rekrutieren können. Er würde ja gern mit allen Mitgliedern der Wiener Jury für Kunst im öffentlichen Raum/KÖR die Badner Bahn entlang „in die Wohnlandschaften des Lutz und in die hängenden Gärten der Blauen Lagun pilgern“. Das könnte sich, wagt man vorauszusagen, beim einen oder anderen sozusagen quasi diesmal nicht ausgehen.

Als Spezialist für alle erdenklichen Arten allerfeinsten Schuhwerks ist Joseph Gerger der Branche ein Begriff. Sein Fachwissen stellte er unter anderem Vivienne Westwood und Helmut Lang zur Verfügung – heute arbeitet er an der Seite von Susanne Bisovsky.

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