Die Investoren lassen Spanien fallen

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(c) AP (Alvaro Barrientos)

Spanien habe „äußerst limitierten Zugang zum Finanzmarkt“, befindet die Ratingagentur Moody's und setzt das krisengeplagte Land um drei Stufen herab. Reichen 100 Milliarden Euro zur Rettung tatsächlich aus?

Wien/stef. Noch zu Wochenbeginn war vereinzelt von einer „Beruhigung“ die Rede, von einer „leichten Entspannung“ der Lage in Spanien. Die EU hatte gerade beschlossen, den Iberern mit bis zu 100 Mrd. Euro unter die Arme zu greifen. Damit sollen die angeschlagenen Finanzinstitute über Wasser gehalten werden.

Nur wenige Tage später zeigt sich zum wiederholten Mal, dass Hilfsgelder alleine den Euro mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht retten werden. Die Investoren warten auf weitreichendere Lösungsvorschläge. Sie äußern vermehrt die Sorge, dass die Europäische Union lediglich „gutes Geld schlechtem Geld nachwirft“ – und lassen deshalb zunehmend die Geldbörse stecken.

Die Marke von sieben Prozent

So hat die spanische Regierung bloß  noch einen „äußerst limitierten Zugang zum Finanzmarkt“, befindet die Ratingagentur Moody's. Sie stufte das krisengeplagte Land am Donnerstag um drei Stufen auf „Baa3“ herab. Soll heißen: Ein Zahlungsausfall ist deutlich wahrscheinlicher geworden. Auch in den kommenden Wochen wird die Reise eher nach unten als nach oben gehen: Moody's prüft eine weitere Herabstufung, ebenso wie die anderen großen Ratingagenturen Standard & Poor's und Fitch.

Besonders deutlich zeigt sich die dramatische Lage Spaniens am Anleihenmarkt. Zehnjährige Staatspapiere notierten am Donnerstag bei einer Rendite von 6,99 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Einführung des Euro. Ab einem Wert von sieben Prozent gilt ein Land de facto als vom Kapitalmarkt abgeschnitten. Zum Vergleich: Österreich muss für seine zehnjährigen Papiere aktuell 2,36 Prozent zahlen, Deutschland 1,45 Prozent.

Tatsächlich warnen viele Beobachter davor, dass Spanien die Hilfsgelder nicht zurückzahlen können wird. Moody's erwartet, dass die Staatsverschuldung noch heuer auf 90 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen wird. Die Neuverschuldung betrug im Vorjahr neun Prozent, heuer dürfte sie bei über sechs Prozent liegen. Von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Analysten schätzen, dass die Gesamtverschuldung bis 2017 aufgrund des aktuellen Hilfspakets auf 110 Prozent des BIP steigen wird. Bislang war man von maximal 100 Prozent ausgegangen.

Ein Fass ohne Boden?

Spanien ist nach Irland, Portugal und Griechenland das vierte Land der Eurozone, das unter dem Rettungsschirm Schutz sucht. Bei Spanien betonte die EU, das Land werde es aus eigener Kraft schaffen. Der Betrag von 100 Mrd. Euro sei bloß nötig, um den angeschlagenen Finanzsektor, allen voran das Großinstitut Bankia, zu retten.

Allerdings gehen viele Beobachter davon aus, dass 100 Mrd. Euro keineswegs genug sein werden. Das Brüsseler Center for European Policy Studies schätzt, dass den spanischen Instituten Verluste von 380 Mrd. Euro ins Haus stünden. Den Großteil davon könnten sie alleine nicht stemmen. Muss der Staat erneut einspringen, wären weitere EU-Hilfen nötig. Oder die Iberer schlittern so wie Griechenland in die Staatspleite. Eine Option, die von den EU-Partnern zumindest offiziell stets „ausgeschlossen“ wird.

Eine wichtige Rolle wird in den kommenden Monaten weiterhin die Europäische Zentralbank (EZB) spielen. Im Mai stiegen die durchschnittlichen Ausleihungen spanischer Institute auf 287,8 Mrd. Euro. Im Monat zuvor waren es 263,5 Mrd. Euro gewesen. Bereits in der Vergangenheit war die EZB eingesprungen, wenn europäischen Krisenländern der Zugang zum Kapitalmarkt verwehrt blieb. So hat die Zentralbank Staatsanleihen schwächelnder Euroländer im Wert von 216 Mrd. Euro gekauft.

Das allerdings erhöht ebenso wie die Rettungsschirme das Risiko für die anderen EU-Staaten. Sollte die EZB auf ihren Staatsanleihen sitzen bleiben, müssten die nationalen Zentralbanken – und damit die Steuerzahler – Geld zuschießen, um das Grundkapital zu erhöhen. Nicht zuletzt deshalb hütet sich die EZB bislang davor, weitere Staatspapiere von Krisenländern zu kaufen.

Es bleiben „maximal drei Monate“

Laut IWF-Chefin Christine Lagarde bleiben der Politik in der EU noch „maximal drei Monate, um den Euro zu retten“. Sie traf diese Aussage vor zwei Tagen. Das Tempo, mit dem die Investoren Spanien die kalte Schulter zeigen, deutet darauf hin, dass ihre Einschätzung optimistisch ist. Der nächste Wackelkandidat steht bereits fest: Die Rendite für zehnjährige italienische Anleihen ist diese Woche erstmals seit Monaten wieder auf über sechs Prozent gesprungen.