1862 begann Julius Meinl als Kolonialwarenhändler, sein Unternehmen wurde bald zum größten Lebensmittelkonzern und Kaffeeröster der Monarchie.150 Jahre später konzentriert man sich auf China und stärkere Bohnen.
Wien. Zumindest zehn Tage lang kann man bei Julius Meinl die Wiener Kaffeehauskultur auch in Wien selbst erleben. Ab dem 24. Juni muss man aber wieder nach Chicago oder Hamburg, um in einem Julius-Meinl-Kaffeehaus Melange & Co zu genießen. Zehn Tage lang macht das temporäre Kaffeehaus „Meinl's Café 150“ am Wiener Graben Station – direkt vor dem Lebensmittelgeschäft „Meinl am Graben“.
Anlass für das Pop-up-Café ist das 150-jährige Bestehen des Traditionsunternehmens. Auf 375 Quadratmetern und zwei Etagen will Meinl die Geschichte, die bis ins Jahr 1862 zurückreicht, den Besuchern näherbringen – und Kaffee. Danach werden die roten Wände des temporären Cafés abgebaut, die Vermittlungsaufgabe muss wieder von bestehenden Kaffeehäusern übernommen werden.
„Womit kann ich dienen?“
Für Marcel Löffler, Geschäftsführer bei Julius Meinl Kaffee, ist das auch gut so. Immerhin gab es in der 150-jährigen Geschichte des Unternehmens zwar viele Geschäfte – 1998 mussten etwa mehr als 160 verkauft werden – ein eigenes Meinl-Kaffeehaus innerhalb Österreichs gab es aber nie. 1862 legte Julius Meinl I. mit einem Gewürzwarengeschäft am Lugeck den Grundstein für das Wiener Familienunternehmen. Wobei dort anfangs neben Tee, Kakao, Reis und Zucker in erster Linie grüne Kaffeebohnen verkauft wurden. Erst ein paar Jahre später hat sich der Geschäftsmann die Frage „Womit kann ich dienen?“ – mit der er zumindest der Legende nach jeden Kunden begrüßt haben soll – selbst beantwortet. 1879 eröffnete er ein weiteres Geschäft am Fleischmarkt Nr. 17, in dem frisch geröstete, fertige Kaffeemischungen verkauft wurden. „Dabei ging es ihm um den Service am Kunden. Sein Spruch war auch: ,Sie, meine Damen, können Tennis spielen, während wir Ihren Kaffee für Sie rösten.' Das war ja eine aufwendige Arbeit“, so Löffler.
Größte Röster der Monarchie
Die Hausdamen und auch Kaffeehausbesitzer nahmen das Angebot gern an. 1891 eröffnete in der Neustiftgasse 28 im siebten Bezirk die erste Rösterei, 1912 wurde die Firmenzentrale nach Ottakring in die Julius-Meinl-Gasse verlegt. Als 1913 Julius Meinl II. das Unternehmen von seinem Vater übernahm, war Meinl der größte Lebensmittelkonzern und Kaffeeröster der Monarchie. In Kriegszeiten wurden die Soldaten mit Meinl-Kaffee, Schokoladen, Dörrobst oder Tee beliefert. Auch in der Zwischenkriegszeit lief es für das Unternehmen, das seit 1924 den nicht ganz unumstrittenen Meinl-Mohren im Logo trägt, nicht schlecht. „Meinl hatte schon vor dem ersten Weltkrieg in den unterschiedlichsten Teilen der Monarchie Röstereien aufgebaut. Das war sehr hilfreich. Man war dadurch nicht von den vielen Schutzzöllen betroffen, die den Handel blockierten. Das Geschäft lief gut, es gab sicher ein Wachstum im zweistelligen Bereich“, so Löffler. In der Zwischenkriegszeit wurde kräftig im Osten expandiert. Meinl war damals im Besitz von mehr als 600 Lebensmittelfilialen.
Weniger rosig lief es in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. In den 1960er- Jahren hatte Meinl in Österreich 280 Filialen. 1998 mussten die übrigen 162 Lebensmittelfilialen verkauft werden. Übrig blieb nur das prominente Flaggschiff am Graben in der Innenstadt. Hinzu kommen die Negativ-Schlagzeilen rund um Julius Meinl V. (Stichworte: U-Haft, Freundschaft mit Karl-Heinz Grasser, Bankprobleme), der sich im Gegensatz zu seiner Schwester Jeanette Meinl nicht besonders für das Geschäft mit der Kaffeebohne interessiert.
Der Wiener verlangt stärkeren Kaffee
Heute sind lediglich zwei Familienmitglieder im Unternehmen tätig, das 550 Mitarbeiter in 70 Ländern beschäftigt: Jeanette Meinl kümmert sich um den Rohkaffee-Einkauf, Christina Rohla-Meinl ist für das internationale Marketing zuständig. Während sich letztere derzeit verstärkt auf China und Osteuropa konzentriert, ist Jeanette Meinl momentan mit stärkeren Kaffeebohnen und Tee beschäftigt. Im Herbst soll nämlich eine neue, eigene Teelinie auf den Markt kommen. Zusätzlich will man mit einer von Stardesigner Matteo Thun entwickelten neuen Designlinie für die Gastronomie die Kaffeehauskultur dem Zeitgeist anpassen.
Was den Kaffee selbst betrifft, zeigt speziell der Wiener eine Tendenz zu stärkeren Bohnen. Immerhin ist nicht nur generell in den letzten 150 Jahren der Kaffee etwas stärker und weniger säuerlich geworden. Auch in den letzten paar Jahren hat Löffler einen Trend hin zu kräftigeren Sorten beobachtet. So stark wie der italienische Kaffee soll er dann aber doch nicht sein. Das wiederum ist Löffler nur recht. Immerhin will Julius Meinl in Sachen Image weiterhin auf die gemütliche Wiener Kaffeehauskultur setzen. Ein eigenes Meinl-Kaffeehaus in Wien soll es aber auch in Zukunft nicht geben. Denn das, so Löffler, brauche man in einer Stadt, die „die Kaffeehauskultur in der DNA hat“, nicht.
1862 eröffnete Julius Meinl I. am Lugeck ein Gewürzwarengeschäft und legte dort den Grundstein für das Familienunternehmen, das die erste industrielle Kaffeerösterei Österreichs betrieb. Dieser Tage wird das 150-jährige Bestehen mit einem Pop-up-Café am Graben direkt vor der letzten Filiale des Unternehmens gefeiert (bis 24. Juni).