Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling glaubte einst, Krebs mit Vitamin C heilen zu können. Der Ökonomie-Nobelpreisträger und Kolumnist Paul Krugman ist sein würdiger Nachfolger.
Dass auch ein Nobelpreis seinen Träger nicht unbedingt davor schützt, Unfug abzusondern, beweist der Ökonom und „New-York-Times“-Kolumnist Paul Krugman mit beeindruckender Verlässlichkeit. Es vergeht kaum eine Woche, in der er sich nicht lauthals darüber beklagt, dass die Europäer – und besonders die Deutschen – nicht (noch) mehr Geld drucken, (noch) mehr Schulden machen und mit (noch) mehr Staatsausgaben die Konjunktur beleben sollen.
Gegen diese von ihm als fatal empfundene Neigung der Deutschen, eine Schuldenkrise ausgerechnet durch Sparen bekämpfen zu wollen, brachte Krugman unlängst freilich ein originell formuliertes Argument vor: Dies sei „Sado-Monetarismus“, also „eine Mentalität, die ökonomisches Leiden als heilsam ansieht“.
Für Krugman scheint es sich bei diesem „Sado-Monetarismus“ – also: sparen, wenn man pleite ist – offenkundig um eine schwere Perversion zu handeln, der Deutsche in den dunklen Kellerverliesen der Bundesbank nachgehen, wo sie, gleichsam als Fritzls der Finanzpolitik, schwarze Austeritätsmessen feiern.
Beachtlich ist Herrn Krugmans Behauptung, Sparsamkeit sei eine Art schmuddeliger ökonomischer Schweinkram, vor allem wegen seiner implizit vorgebrachten Behauptung, eine Bewältigung der Krise sei auch ohne damit verbundene wirtschaftliche Leiden möglich.
Das Problem ist bloß, dass in der Wirklichkeit einer Schuldenkrise tatsächlich ökonomisches Leiden eine unumgängliche Voraussetzung für die Lösung des Problems ist. Dies als „Sado-Monetarismus“ zu denunzieren ist ungefähr so klug, als würde man einen Zahnarzt, der eine notwendige, aber etwas schmerzhafte Wurzelbehandlung durchführt, als „Sado-Mediziner“ bezeichnen – und dem Patienten statt der Wurzelbehandlung Schmerzmittel gegen den eitrigen Backenzahn verabreichen.
Wenn etwa in Athen, wie kürzlich einer interessanten Reportage der Wochenzeitung „Falter“ zu entnehmen war, ein Busfahrer bis vor Kurzem 4000 Euro im Monat verdiente, dann war eine erhebliche Kürzung dieses (und hunderttausender anderer) absurden Salärs angesichts der Lage der Staatsfinanzen nicht „Sado-Monetarismus“, sondern eine überfällige Korrektur. Dass die Betroffenen dies als „ökonomisches Leiden“ empfinden, ist menschlich nachvollziehbar – aber alternativlos.
Tatsächlich haben die Griechen, aber auch fast alle anderen Europäer in den kommenden Jahren den Rückbau wenigstens eines Teils jener Schulden vor sich, mit denen sie in den vergangenen Jahren ihren übermäßigen Konsum finanziert haben.
Ohne Verzicht und die damit verbundenen „ökonomischen Leiden“ wird das aus Gründen der Logik leider nicht möglich sein. Wer diesen Zusammenhang öffentlich macht, ist deswegen noch lang kein perverser „Sado-Monetarist“ mit abartigen finanzpolitischen Neigungen, sondern eher ein Realist.
Aber vielleicht führt ja Krugman nur eine Tradition fort, der zufolge Nobelpreisträger besonders oft zu absonderlichen Thesen neigen: Kollege Linus Pauling (Chemie) war davon überzeugt, Krebs mit Vitamin C heilen zu können. Das funktioniert so ähnlich wie eine Schuldenkrise mit Schulden zu heilen.
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Zum Autor:
Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2012)