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"Griechenland wird seine Schulden nie ganz zurückzahlen"

Griechenland wird seine Schulden
AP Photo/Nikolas Giakoumidis
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Der deutsche Wirtschaftsexperte Ferdinand Fichtner warnt vor den Folgen eines griechischen Euro-Austritts. Griechenland werde zumindest einen Teil seiner bereits empfangenen Hilfskredite für immer schuldig bleiben.

Berlin. Einer der führenden deutschen Volkswirte hält es für sicher, dass Griechenland zumindest einen Teil seiner bereits empfangenen Hilfskredite für immer schuldig bleiben wird. Diese teilweise Staatsinsolvenz Athens werde den anderen Euroländern aber weniger große Verluste verursachen, falls Griechenland Mitglied der Eurozone bleibt.

„Ich meine, dass Griechenland nie in der Lage sein wird, seine Schulden ganz zurückzuzahlen. Darum werden die öffentlichen Gläubiger über kurz oder lang auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssen. Das ist ziemlich offensichtlich“, sagte Ferdinand Fichtner, Leiter der Abteilung für Konjunkturanalyse im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, am Mittwoch im Gespräch mit EU-Korrespondenten aus mehreren Ländern.

Ein Verlassen der Griechen aus der Währungsunion, verniedlichend „Grexit“ genannt, wäre seiner Ansicht nach nicht im Interesse der anderen Eurostaaten. „Sowohl aus politischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht ist es vorzuziehen, dass Griechenland in der Eurozone bleibt. In der Eurozone ist diese Situation kontrollierbar. Wenn Griechenland aber austritt, wäre die Regierung mit einer neuen, schwachen Drachme wahrscheinlich unfähig, die Schulden zurückzuzahlen.“

Im Rahmen des ersten Hilfsprogramms hat Athen bis Ende Dezember 2011 73 Milliarden Euro erhalten. 52,9 Milliarden Euro davon stammen von den Euroländern, 20,1 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Darüber hinaus hat die Europäische Zentralbank griechische Staatsanleihen im Ausmaß von bisher vermutlich rund 55 Milliarden Euro auf den Märkten gekauft. Eurozone und IWF haben ein neues Hilfsprogramm mit der früheren Athener Regierung ausverhandelt, das neben einer teilweisen Streichung der Schulden bei privaten Gläubigern 130 Milliarden Euro an neuen Hilfskrediten zu besonders niedrigen Zinsen vorsähe. Ob es in Kraft tritt, hängt davon ab, ob sich bei den Wahlen am Sonntag eine Regierung herauskristallisiert, welche die versprochene Budgetsanierung und Staatsreform einhält.

Fichtner, der früher in der Europäischen Zentralbank gearbeitet hat, hält auch wenig von dem Argument, dass die Einführung einer stark abgewerteten Drachme Griechenland im Handumdrehen die verloren gegangene Wettbewerbsfähigkeit zurückbringen könnte. „Ein Euro-Austritt wäre zwar verkraftbar, aber für alle Beteiligten die schlechteste Lösung. Die Produktion in Griechenland würde wohl zusammenbrechen, weil die griechischen Unternehmen mit der schwachen Drachme keine Rohstoffe und Vorprodukte mehr im Ausland kaufen könnten. Ich sehe nicht, was es bringt, wettbewerbsfähig zu werden, wenn man nichts hat, was man exportieren kann.“ Gleichzeitig verwahrte er sich dagegen, die ökonomischen Folgen eines „Grexit“ zu beziffern, wie das vielerorts getan wird. „Ganz ernsthaft: Welchen Sinn hat es, solche Zahlen zu erfinden? Das ist keine ernsthafte Wirtschaftswissenschaft.“

Zypern bekommt russischen Kredit

Das ebenfalls angeschlagene Euroland Zypern kann auf einen Hilfskredit aus Russland in der Höhe von fünf Milliarden Euro zählen. Das bestätigte Pawel Medwedew, Berater des russischen Zentralbankchefs Sergej Ignatjew, in der Moskauer Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“. Russland hat Interessen, an der Gasförderung von neu entdeckten Gasfeldern vor der Küste der Insel beteiligt zu werden, und hat dem Land bereits einen Kredit über 2,5 Milliarden Euro gewährt.

Zuletzt ist davon ausgegangen worden, dass nun auch Zypern gezwungen sein dürfte, den Euro-Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen. Der aktuelle Finanzbedarf wurde auf vier Milliarden Euro geschätzt.

Auf einen Blick

Griechenland wird nach Ansicht von Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung seine Schulden nie gänzlich zurückzahlen. Deshalb müssten öffentliche Gläubiger auf Forderungen verzichten. Fichtner betont, dass es für die Partnerländer besser wäre, wenn Griechenland den Euro behält. Im Land selbst würde bei einem Austritt die Produktion zusammenbrechen, weil griechische Unternehmen mit der schwachen Drachme keine Rohstoffe und Vorprodukte mehr im Ausland kaufen könnten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2012)