Einst ging Sayed mit gesenktem Kopf durch die Straßen: aus Angst vor der Polizei und einem brutalen Regime, dem keine Manipulation zu dreist war. Heute fühlt er sich stark und innerlich frei. Doch Ägypten wartet noch auf wahre Freiheit.
Sayed Elsisi öffnet seine kleine Umhängetasche. Dann kramt er eine Reihe von Utensilien hervor, die in diesen Tagen in Kairos Straßen von großem Nutzen sein können: Verbandsmaterial; einen Mundschutz und Brillen gegen Tränengas; eine Schachtel Pillen mit kühlender Wirkung, falls Mundschutz und Brillen nicht helfen. „Ich bin im vergangenen Jahr zum Profi-Demonstranten geworden“, sagt der junge Mann. Er schmunzelt, als ich ihn an unser erstes Treffen im Februar 2011 auf dem Tahrir-Platz erinnere. Damals war Sayed Elsisi zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Protestkundgebung gewesen. Er hatte all seinen Mut zusammengenommen und sich den Zehntausenden Menschen angeschlossen, die im Herzen der ägyptischen Hauptstadt den Rücktritt von Machthaber Hosni Mubarak forderten. Sie trotzten den Schlägerbanden des Regimes, die mit Knüppeln, Messern und Molotowcocktails angriffen, nahmen in Kauf, für den Traum von einem neuen Ägypten verletzt oder gar getötet zu werden.
Sayed gehörte keiner politischen Gruppierung an. Er demonstrierte, weil er das System der Korruption und Vetternwirtschaft satt hatte, das ihm trotz seiner guten Ausbildung die Aussicht auf Arbeit verwehrte; weil er sich um seine Zukunft betrogen fühlte, von einem gewalttätigen Regime, dem keine Wahlmanipulation zu dreist war. Der Student berichtete damals empört, dass auch längst verstorbene Verwandte von ihm offiziell immer wieder wählen gegangen waren. Mubarak stahl so seine Stimmen zusammen. Heute lacht der junge Mann darüber: „Bei der letzten Parlamentswahl habe ich mir ernsthafte Sorgen um meine toten Verwandten gemacht: Dieses Mal sind sie zum ersten Mal zu Hause geblieben.“
Die Wahl im November und Dezember war die erste weitgehend freie Abstimmung in Ägyptens Geschichte. Und sie endete mit einem Sieg der Islamisten. Das Verfassungsgericht hat das Parlament nun aufgelöst. Doch es ist klar, dass die Islamisten auch bei einer erneuten Wahl dominierende Kraft bleiben werden. Auch Sayed Elsisi schenkte seine Stimme der „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ der Muslimbruderschaft. Wie kam der Tahrir-Aktivist auf die Idee, die Islamisten zu wählen? „Sie sind am besten organisiert und wissen, wie man Dinge voranbringt. Sie meinen es ehrlich, denn sie haben jahrelang den sozial Schwachen geholfen, während sich andere das Geld in die Taschen steckten.“ Und wenn die Muslimbrüder die Hoffnungen in sie enttäuschen? „Dann wählen wir sie ab. Notfalls werfen wir sie hinaus, so wie wir Mubarak hinausgeworfen haben.“
Der junge Mann, der im Februar 2011 so bedrückt wirkte, scheint noch immer von revolutionärem Adrenalin berauscht. „Ich bin wie neugeboren. Wenn ich heute durch Kairo gehe, fühle ich zum ersten Mal: Das ist unser Land.“ Sein neues Selbstbewusstsein bekommen auch die zu spüren, die ihm stetsübermächtig erschienen sind: „Früher hatte ich Angst vor Polizisten. Wenn sie mich heute nach meinem Ausweis fragen, frage ich zurück: Warum wollt ihr ihn sehen?“ So viele Jahre sah sich Sayed inmitten einer Mauer der Furcht gefangen. Im Jänner 2011 bekam diese Mauer erste Risse: durch die Revolution in Tunesien; durch die ersten Erfolge am „Tag des Zorns“, als in Kairo die Sicherheitskräfte vor den Demonstranten Reißaus nahmen. Jetzt, mehr als ein Jahr später, ist sie völlig zusammengebrochen.
Getragen von einer Welle neuen Mutes, rebellierten die Menschen in vielen arabischen Ländern gegen ihre Machthaber. Westliche Medien schrieben vom „Arabischen Frühling“, eine Analogie zum „Prager Frühling“ 1968. Die westliche Wortschöpfung ist hoffentlich kein böses Omen für den arabischen Raum, in dem mittlerweile „Sommergewitter“ toben. Denn das Demokratieexperiment in der Tschechoslowakei wurde von Panzern niedergewalzt.
Die „Sommergewitter“ ziehen über Syrienhinweg, wo Bashar al-Assads Regime den Aufstand in Blut ertränken will und das fragile Gleichgewicht der verschiedenen religiösen Gruppen ins Wanken bringt; über Libyen, das nach neun Monaten bewaffneter Rebellion noch immer keinen Frieden gefunden hat; über Ägypten, wo die permanente Revolution zu herrschen scheint, die immer wieder an die Mauern der Gegenrevolution prallt. Irgendwo zwischen den Gewitterwolken spukt das Gespenst „islamistischer Staat“ umher. Die alte, lähmende Furcht vor den Unterdrückungsapparaten der Autokraten wich neuen Sorgen.
Auch Nadine Shams hat längst keine Angst mehr davor, auf die Straße zu gehen und ihre Meinung kundzutun. Doch ihr Resümee vom Leben nach der Revolution siehtnicht so rosig aus wie das des jungen Sayed Elsisi: „Ich bin frustriert“, sagt die Drehbuchautorin. Die Ägypterin mit den rot gefärbten Haaren stand im Kampf gegen Mubarak an vorderster Front. Sie war Teil des „Tahrir-Staates“, in dem alle Gegensätze überwunden schienen: Auf dem Platz im Zentrum Kairos protestierten Frauen mit offenem Haar neben Frauen in der Ganzkörperverschleierung Niqab, Kinder aus dem reichen Bürgertum neben Buben aus heruntergekommenen Vierteln, Liberale neben Marxisten und Islamisten. Sie alle einte der Wunsch, Mubarak hinauszuwerfen. Der Wunsch ging in Erfüllung, doch Nadine Shams Vision eines freien, säkularen, gerechten Ägyptens erfüllte sich bisher nicht.
Die Künstlerin ist in einer neuen Linkspartei aktiv, die bei der Parlamentswahl im Bündnis „Die Revolution geht weiter“ angetreten war. Das gesamte Bündnis, eine Plattform ehemaliger Tahrir-Aktivisten, gewann nur neun Sitze in der Volksversammlung. Ein katastrophales Abschneiden im Vergleichzu den gewaltigen Erfolgen der Islamisten: 235 Sitze erzielte das Bündnis der Muslimbrüder, 123 die noch radikaleren Salafisten. „Alle linken Parteien, aber auch die Liberalen, haben es nicht geschafft, eine Beziehung zu den Menschen auf der Straße aufzubauen“, sagt Nadine Shams selbstkritisch. Diese Parteien blieben Projekte für gewisse Schichten städtischer Intellektueller.
Die Muslimbrüder hingegen kümmerten sich jahrzehntelang um die Probleme der Menschen auf der Straße, unterstützten sie mit Rat und materieller Hilfe und gewannen damit ihr Vertrauen. „Man kann nur schwer verstehen, was die Muslimbrüder wollen. Heute sagen sie eine Sache, morgen revidieren sie es wieder“, meint Shams. „Derzeit versichern sie, dass sie keine strenge islamische Gesetzgebung in Ägypten wollen. Aber sie haben diese Idee in ihrem Kopf.“ Die Drehbuchautorin glaubt, dass die Bruderschaft vorsichtig vorgehen wird. „Niemand wird mir sagen, dass ich ein Kopftuch tragen muss. Sie werden nichts vorschreiben. Aber sie werden versuchen, die Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern.“ Nadine Shams zeigt sich kämpferisch: „In Ägypten gibt es eine reiche Kulturszene. Wir Linke und Liberale werden nicht einfach zuschauen. Das wird ein harter politischer Kampf werden zwischen uns und ihnen.“
Die Drehbuchautorin und ihre Freunde haben das Gefühl, zwischen einem Riesen mit Vollbart und einem Riesen in Armeeuniform zerdrückt zu werden. „Die Menschen fordern die Beseitigung des Regimes“ stand auf dem Transparent, das während des Aufstands auf dem Tahrir aufgespannt war. Doch nicht das gesamte Regime war gestürzt worden. Und die Demonstranten hatten Mubarak nicht allein zu Fall gebracht. Es waren seine Generäle, die die Notbremse gezogen und ihn abgesetzt hatten. Und die dachten nicht daran, die Macht so einfach wieder abzugeben. Einer ihrer Vertrauten, Ex-Premier Ahmed Shafik, steigt dieses Wochenende bei der Präsidentenstichwahl in den Ring. Gegenkandidat ist Muslimbruder Mohammed Morsi: für Liberale und Linke eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Ihre Wunschkandidaten schafften es nicht in den zweiten Durchgang. „Die Menschen wissen, dass wir noch unorganisiert sind. Selbst wenn wir gewonnen hätten, wären wir derzeit nicht fähig zu regieren“, sagt Ihab El Kharat. In seiner Wohnung im adretten Viertel Dokki tummeln sich Parteimanager. Der Psychiater und Sohn des Schriftstellers Edward El Kharat ist Funktionär der neuen Sozialdemokratischen Partei und ein prominentes Mitglied der protestantischen Gemeinde von Kasr El-Doubara. Während des Aufstands gegen Mubarak predigte er auf dem Tahrir-Platz zu Christen und Muslimen. Das Regime spiele mit der Angst vor den Islamisten und beraube – als „Schutzgeld“ – die Ägypter ihrer politischen Rechte, sagte er damals. Und er gab den Muslimbrüdern bei freien Wahlen 30 Prozent. Hat er sie unterschätzt? „Das glaube ich nicht“, sagt er heute. „Sie haben es geschafft, mit 40 Prozent das Maximum herauszuholen.“
El Kharat zweifelt daran, dass die Islamisten Antworten auf die drängenden Probleme finden. Wenn die Muslimbrüder regieren wollten, müssten sie sich weiterentwickeln und das türkische Modell adaptieren. In der Türkei sind die Islamisten in die Mitte gerückt und regieren seit 2002 ein Land mit beachtlichem Wirtschaftswachstum. Theoretisch sieht El Kharat aber noch eine andere, eine beängstigende Variante: „Die Muslimbrüder könnten auch versuchen, sich mit Gewalt an der Macht zu halten. Doch dazu wird es nicht kommen, solange die Revolution keinen gewalttätigen Weg nimmt. Was mir Sorge bereitet, ist eine kleine Gruppe von Ultrarevolutionären, die Militär und Islamisten mit Gewalt vertreiben will. Wenn wir das versuchen, werden wir die Verlierer sein.“
Sayed Elsisi macht sein Demo-Kit fertig. Er ist dabei, wenn gegen das Militär protestiert wird. Und er vertraut weiter darauf, dass die Muslimbruderschaft den Ägyptern zu einem besseren Leben verhelfen wird. Wenn Muslimbruder Morsi am Wochenende gewinnt, würden die Islamisten das Präsidentenamt beherrschen. Dann müssten sie beweisen, dass sie die hohen Erwartungen erfüllen können, die in sie gesetzt werden. Vor allem Unterprivilegierte und Mittellose verlangen von der Bruderschaft, möglichst rasch aus dem Elend geholt zu werden. Doch Ägyptens Wirtschaft liegt am Boden, die Staatskasse ist leer. Das Defizit zu senken, die Wirtschaft anzukurbeln und zugleich – kurzfristig – den Lebensstandard zu heben, das ist eine Herkulesaufgabe, die jeder lösen muss, der in den kommenden Jahren regiert. Junge Männer wie Sayed Elsisi kämpften auf dem Tahrir, damit sich ihr Traum von mehr Freiheit, Würde und einem besseren Leben erfüllt. Sie sind nicht bereit, ihren Traum so einfach aufzugeben. Die Aufstände haben vielen von ihnen neues Selbstvertrauen – eine innere Befreiung – gebracht. Auf eine äußere, eine politische und gesellschaftliche Befreiung muss der arabische Raum noch warten. ■
BUCH: Nach der Revolution
„Das Ende der Angst? Die Zukunft der arabischen Welt“ heißt das Buch von „Presse“-Redakteur Wieland Schneider, das kommende Woche im Braumüller Verlag erscheint. Es beschreibt, wie junge Männer und Frauen auf dem Tahrir-Platz und in Westlibyens Bergen für ihre Vision von mehr Freiheit kämpften und was aus dieser Vision wurde.
Buchpräsentation: Montag, 18. Juni,
19 Uhr, Buchhandlung Thalia, Landstraßer Hauptstraße 2a/2b, Wien III.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)