Anzugträger läuten Faltrad-Boom ein

(c) FABRY Clemens
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Die Wiener entdecken das Faltrad für sich und radeln bei der ersten Austrian Brompton Championship mit Falträdern und Sakkos um die Wette.

Wien. Diesmal waren die Jungen zu spät dran. Während es normalerweise der jungen urbanen Mittelschicht obliegt, Trends zu setzen, waren es diesmal mittelalterliche, anzugtragende Männer, die das Faltrad entdeckt haben. Hört man sich bei Wiens Fahrradhändlern um, steigt die Nachfrage nach den kleinen Fahrrädern, die sich mit zwei, drei Handgriffen zusammenfalten und somit in Bus, Bahn, Auto oder gar Segelboot verfrachten lassen.

Mittlerweile haben die Falträder – die mit den ungemütlichen Klapprädern aus den 1960er-Jahren nichts mehr gemein haben – auch die Jugend erobert. Deutlich wird das etwa am ersten Fahrradpicknick, das morgen, Sonntag, in der Freudenau stattfindet. Höhepunkt der Veranstaltung ist die Austrian Brompton Championship, bei der rund 100 Teilnehmer mit Falträdern um die Wette radeln. Die englische Marke Brompton ist an dem internationalen Hype rund ums Faltrad nicht ganz unbeteiligt. Immerhin trifft das Unternehmen, das mitten in London produziert und stark auf Design setzt – inklusive Accessoires wie Taschen oder fahrradtauglichen Sakkos – genau den Zeitgeist.

In Asien längst Modeaccessoire

„In Asien ist das ja schon länger ein Thema, dort sind Falträder ein Modeaccessoire. In Mitteleuropa waren gut situierte Durchschnittsbürger, Mitte 40, die Ersten, die Falträder kauften. Mittlerweile gibt es aber auch immer mehr Junge, die sich dafür interessieren“, sagt Christian Pekar, Geschäftsführer der Cooperative Fahrrad, die in Wien die Alleinlizenz für Brompton-Räder hat. An die 300 Falträder verkauft Pekar derzeit pro Jahr. 2009 war es noch die Hälfte.

Wie viele Falträder es in Wien gibt, lässt sich nicht sagen. Einig sind sich die Händler aber darin, dass die Zahl noch ordentlich steigen wird. Michael Kosta, der im April 2010 sein Geschäft „Das Faltrad“ in Ottakring eröffnet hat, meint dazu: „2010 hab ich noch 50 Räder verkauft, im Vorjahr 100, und heuer werden es an die 200 sein. Wenn es so weitergeht, bin ich zufrieden.“ Er schätzt die Zahl der Falträder in Wien auf rund 2000.

Ernst Aichinger, Spartenobmann für den Handel der Wirtschaftskammer Wien, meint ebenso: „Zahlen gibt es keine, aber Falträder und E-Bikes sind stark im Steigen.“ Insgesamt werden pro Jahr im Schnitt etwa 450.000 Fahrräder in ganz Österreich verkauft. Ins Gewicht fallen die Falträder dabei also noch nicht. Alec Hager von der IG Fahrrad ist der Meinung, dass sich das noch ändern wird: „Der Anteil an Falträdern nimmt auch in Wien stark zu, und das ist ein internationaler Trend, der in Europa vor allem in London und Barcelona schon länger erkennbar ist. Der Grund dafür: Diebstahlsicherheit durch Heimtragen, v.a. auch in engen Büros und Stadtwohnungen mit schmalen Treppen, und die Kombinierbarkeit mit Öffis.“ Selbst im Flugzeug kann so ein zusammengefaltetes Rad, eingepackt in einer Schutzhülle, als Handgepäck mitgenommen werden. Je nach Marke kommt ein Faltrad auf rund zehn Kilo, das Packmaß liegt meist bei knapp 60 mal 60 Zentimetern.

Faltrad für Porsche-Fahrer

Günstig ist so ein Faltrad allerdings nicht. Billigprodukte aus Fernost gibt es zwar schon ab 400 Euro. Bei Brompton geht es allerdings erst bei 1000 Euro los. Der Hersteller Riese und Müller verlangt für seine Modelle „Birdy“ oder „Frog“ zwischen 1500 und 4000 Euro. Hinzu kommt noch Zubehör, wie Taschen oder Kleidung. Ein fahrradtaugliches Sakko von Brompton etwa kostet rund 300 Euro. Die Faltradlfahrer lassen sich davon nicht abschrecken. Selbst bei der Championship am Sonntag gibt es einen Dresscode: Neben der Helmpflicht müssen die Herren Jackett und Krawatte tragen. Für Damen gilt: „alles Gediegene zwischen Reifrock und Businesskostüm“. Immerhin werden neben dem Rennen auch stilvolles Auftreten und die schnellste Falttechnik gekürt.

Das Faltrad reiht sich nach dem puristischen Eingangrad Fixie somit in die Reihe der Cycle-Chic-Bewegung ein, die das Fahrradfahren zu einem Lifestyle-Thema macht. Immerhin sind die Zeiten, als Radeln noch öko war, längst vorbei. Fahrradhändler Pekar hat dazu eine nette Geschichte parat: „Unlängst hat ein Kunde nach einem Rad verlangt, das in den Kofferraum seines Porsches passt. Da geht dann wirklich nur mehr das Faltrad.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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