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Griechenland zeigt uns heute, was uns morgen bevorsteht

Alle Ideen für die Bewältigung der Eurokrise zeigen, dass noch immer niemand bereit ist, von der Wohlstandsillusion in die Realität zurückzukehren.

Wie in aller Welt konnte es dazu kommen, dass eine Volkswirtschaft von der Größe und Struktur Griechenlands in der Lage ist, das europäische Bankensystem und die Gemeinschaftswährung in seiner Existenz zu gefährden? Das fragen sich viele, die an diesem Wochenende gebannt nach Athen schauen, wo der Ausgang der Parlamentswahlen mit darüber entscheiden soll, wie es mit Europa und seiner Gemeinschaftswährung weitergehen wird.

Im Wesentlichen existieren für die Beantwortung dieser Frage zwei Hypothesen. Die erste: Skrupellose Agenten der Märkte haben Griechenland als Geisel genommen, und ihre nächsten Opfer sind schon identifiziert – Spanien und Italien. Die zweite: Die Europäer waren fahrlässig und haben zugelassen, dass sich die Griechen, die sich schon die Teilnahme an der Währungsunion durch manipulierte Daten erschlichen haben, mit dem billigen Geld aus Frankfurt ein schönes Leben gemacht haben, für das die anderen jetzt auf die eine oder andere Weise die Zeche zahlen müssen.

Was die beiden Hypothesen gemeinsam haben, ist ihre Irrelevanz. Ob das eine oder das andere mehr oder weniger wahr ist, hilft niemandem bei der Bewältigung der Aufgabe, die jetzt vor den Europäern liegt: den bereits entstandenen Schaden so zu begrenzen, dass es nicht in einer Kettenreaktion zu einem unkoordinierten Auseinanderbrechen des Euro kommt.


Die europäische und angloamerikanische Mehrheitsmeinung empfiehlt dazu eine massive Ausweitung der Geldmenge und die Vergemeinschaftung der europäischen Schulden ohne Limit. Dazu bedarf es einerseits der kurzfristigen, demokratisch nicht legitimierten Zentralisierung von Wirtschafts- und Fiskalpolitik und andererseits einer Rekapitalisierung der europäischen Banken direkt aus den Mitteln von EFSF und ESM. Vor allem Letzteres scheint tatsächlich unausweichlich, denn die derzeit praktizierte Alternative – Stärkung der Eigenkapitalquote durch Reduktion des Kreditgeschäfts und Finanzierung von nicht mit Eigenkapitalunterlegungspflicht belegten Staatsanleihen – kann nur schiefgehen. Was die Vergemeinschaftung der Schulden betrifft, ziert sich Deutschland noch aus guten Gründen, aber Angela Merkel wird dem Druck nicht standhalten.

Die Alternative wäre die Investition von intellektuellen, finanziellen und politischen Ressourcen in einen geplanten Austritt Griechenlands aus der Eurozone. So, und vermutlich nur so könnte man es dem Land ermöglichen, in einer Kombination aus Finanzhilfe und neuen geldpolitischen Spielräumen wieder Wachstum zu generieren. Wie das unter den – verschärften – Bedingungen des Euro-Regimes gehen soll, weiß kein Mensch.


Welche Pläne auch immer nach dem Wahlergebnis am Sonntagabend aus der Schublade gezogen werden: Die Gespräche über den Euro, die Bankenkrise und die Staatsschuldenkatastrophe legen nahe, dass das Grundproblem weiterhin konsequent verdrängt wird. Was wir heute erleben, ist das Platzen einer Wohlstandsblase. Die Illusion, in der wir während des vergangenen Jahrzehnts gelebt haben, wird auf die eine oder andere Art korrigiert werden müssen. Je später, umso schmerzhafter. Das handelsübliche Gerede darüber, dass man in einer solchen Situation von allzu harten Austeritätsprogrammen Abstand nehmen und stattdessen Wachstumsimpulse setzen müsse, ist nichts anderes als die Aufrechterhaltung einer Illusion.

Die einzige relevante Frage ist, ob es gelingt, ökonomische und politische Steuerungsmechanismen zu entwickeln, die die unausweichliche Korrektur nach unseren Vorstellungen von Fairness und Gerechtigkeit vonstattengehen lassen. Die jetzt geplante Geld- und Schuldenschwemme wird dazu führen, dass bestehende Vermögen irgendwann auf dem Weg der Inflation unterschiedslos vernichtet werden.

Ist das wirklich fair und gerecht?

Griechenland ist für Europa deshalb von so großer Bedeutung, weil es uns schon heute im Kleinen zeigt, wo wir im Großen enden, wenn wir uns nicht bald der Realität stellen.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)