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Warum wir alle Griechen sind

(c) AP (CHRISTOS ANGELOU)
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Griechenland muss in der EU sein, denn es ist die Wiege Europas, das sagen alle. Aber warum ist das so? Über die Geburt Europas in den Perserkriegen.

Ah, Dedalus, die Griechen!“, ruft Buck Mulligan in James Joyces „Ulysses“, „Ich muss dir Unterricht geben. Du musst sie im Original lesen. Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter.“

Die ersten Worte Mulligans im Roman sind aus der lateinischen Messe („Introibo ad altare Dei“), doch seine Anrufung Griechenlands (und des Meeres: „thalatta“) kommt schon auf Seite drei, man kann sie als Initiationsformel lesen für das große Prosawerk der europäischen Moderne, das den Namen eines listenreichen Helden des alten Griechenland trägt.

Das kam den Lesern im Jahr 1922, das kommt uns heute (am 108. „Bloomsday“, das ist der Tag, an dem der „Ulysses“ spielt) ganz normal vor; so wie uns z.B. normal vorkommt, dass die Band Radiohead über den irischen Fluss Liffey singt und – auch – den mythischen griechischen Fluss Lethe meint. Aber warum kommt es uns normal vor? Wir kennen die Antwort: Weil Griechenland die Wiege des Abendlandes ist, die Keimzelle Europas.

Diese Idee hat den Eintritt Griechenlands sowohl in die Europäische Union (schon 1981, nur sieben Jahre nach Ende der Militärdiktatur!) als auch in die Eurozone (2000) beschleunigt: Welcher Staat, welcher Staatenbund könnte ertragen, dass seine Wiege außerhalb seines Territoriums steht? „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa, erdachte“, schrieb Günter Grass in seinem zu Pfingsten in der „Süddeutschen Zeitung“ publizierten Gedicht „Europas Schande“.

 

Egon Friedell: „Das Europa Europas“

Wieso Griechenland? Die griechische Halbinsel verdiene „das Europa Europas“ genannt zu werden, schrieb Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte: „Die reiche Gliederung ihres Reliefs sowohl wie ihrer Küste setzt sie zu Europa in ein ähnliches Verhältnis wie dieses zu den übrigen Erdteilen.“ Tatsächlich: Nicht nur im Vergleich zum anderen Ende Eurasiens ist in Europa das Verhältnis von Küstenlinie zu Fläche immens, Europa liegt mehr am Meer als die anderen Kontinente. Thalatta! Thalatta!

Dass Griechenland am Rand Europas liegt, stört nicht: Europa ist (abgesehen von Österreich, das bekanntlich einem starken Herzen gleicht) ein Kontinent der Ränder. Aber die topografische Erklärung genügt nicht. (Sonst würde z.B. auch Norwegen als „Europa Europas“ durchgehen.) Nein, Europa und Griechenland teilen sich eine Geschichte, und die hat als Erster ein Grieche aus Halikarnassos (in der heutigen Türkei) niedergeschrieben: der Historiker und Geograf Herodot in seinen „Historien“ über die Perserkriege. „Die Perser betrachten Asien und die darin wohnenden barbarischen Völker als zu ihnen gehörig“, schrieb er, „aber Europa und Griechenland ist in ihren Augen eine Welt für sich.“

Sonst war Herodot zwar der Ansicht, die Griechen seien „doch von jeher gescheiter als andere Völker und über törichten Aberglauben erhaben“, hatte aber für Mythen nicht viel übrig: „Ich kann auch nicht dahinterkommen, weshalb die drei Erdteile, die doch ein Land sind (Europa, Asien und Libyen = Afrika, Anm.), drei verschiedene Namen haben und nach Weibern benannt sind.“ Eine davon, die phönizische (also asiatische!) Königstochter Europa, wurde laut Mythos von Zeus in Gestalt eines Stieres nach Kreta entführt. Beim nüchternen Herodot sind es freilich die Griechen bzw. die Kreter, die die Europa geraubt haben, nachdem die Phönizier die Io geraubt hatten. Den Persern, meint Herodot, sei solcher Frauenraub eher egal gewesen; nicht aber, dass die Griechen „eines lakedämonischen Weibes willen das Reich des Priamos zerstört hätten“. Am Anfang war also der Trojanische Krieg.

 

Der große Horizont? Das Abendland?

Von der Ableitung des Kontinents Europa von der Königstochter hielt Herodot wenig. „Von Europa weiß kein Mensch, woher und von wem es seinen Namen hat.“ Andere Griechen erklärten es aus „eurus“ (weit) und „ops“ (Sicht), damit würde Europa so etwas wie „der große Horizont“ bedeuten. Heutige Etymologen glauben das kaum. Umstritten ist auch die Ableitung aus dem Semitischen, auf Phönizisch z.B. heißt „erob“ so viel wie Abend...

Womit wir wieder beim Abendland wären, beim Land der untergehenden Sonne, beim Westen. Und bei seinem Kampf gegen den Osten, das Morgenland. Beim ersten „Clash of Civilisations“, bei den Perserkriegen. Diese hätten „die griechische Seele 300 Jahre lang vor dem entkräftenden Mystizismus des Ostens bewahrt“, hielt der US-Philosoph Will Durant in seiner „Kulturgeschichte der Menschheit“ fest. Hätten die Griechen gegen Xerxes verloren, schreibt der britische Schriftsteller Tom Holland in „Persian Fire“ (2008, Untertitel: „The First World Empire and the Battle for the West“), dann wäre der Begriff „der Westen“ wohl nie entstanden. „Es ist daher kein Wunder, dass die Perserkriege als der Gründungsmythos der europäischen Zivilisation dienen sollten; als der Archetyp des Triumphs der Freiheit über die Sklaverei, und der rauen Bürgertugend über die entnervte Despotie.“

Holland ist beileibe nicht der Erfinder dieses Motivs. Schon Plato nannte die Helden von Marathon die „Väter der Freiheit jeder Person, die im Kontinent des Westens lebt“; über 2200 Jahre später erklärte John Stuart Mills, die Schlacht von Marathon sei auch für die englische Geschichte wichtiger als die Battle of Hastings...

Freiheit ist ein weiter Begriff. Aber waren die Perserkriege wirklich eine Auseinandersetzung zwischen Despotie und Demokratie im heutigen Sinn? Die Spartaner, die wesentlich beteiligt waren, hätten es sich strengstens verbeten, als Demokraten bezeichnet zu werden. Und über die Einführung der Demokratie in Athen unter Kleisthenes (ca. 508v.Chr.) schreibt Holland: „Die Begründer der athenischen Revolution waren keine leichtfertigen Visionäre, angetrieben durch glänzende Vorstellungen von Brüderlichkeit mit den Armen, vielmehr nüchterne Pragmatiker, deren Ziel es ganz einfach war, als athenische Adlige zu profitieren, indem sie ihre Stadt starkmachten.“ Wir wissen: Nur männliche „Vollbürger“ machten die attische Demokratie, der größte Teil der Bevölkerung blieb ausgegrenzt. Dennoch wurde – vor allem durch die „Politika“ des Aristoteles – die athenische Idee der Volksherrschaft und der ihr zugrunde liegenden Freiheit zu einer Wurzel der neuzeitlichen Vorstellungen von Demokratie.

Gewaltig verstärkt wurde das Image von Griechenland als Hort der Freiheit durch einen neuzeitlichen Aufstand gegen eine östliche Macht: den Unabhängigkeitskrieg gegen das Osmanische Reich 1821 bis 1832. Die romantische Jugend fand ihre Freiheitssehnsucht in ihm, der englische Dichter Lord Byron zog selbst nach Griechenland in den Krieg und sehnte eine Neuauflage der Thermopylen-Schlacht (480 v.Chr. mit fast 300 toten Spartanern) herbei: „Earth! render back from out thy breast / A remnant of our Spartan dead! / Of the three hundred grant but three, / To make a new Thermopylae!“

Als Byron dies schrieb, war sein deutscher Kollege Friedrich Hölderlin schon dem Wahnsinn verfallen. Er war nie in Griechenland, doch er verfasste ein langes Gedicht, in dem er konstatierte, dass „Attika, die Heldin“ gefallen sei, und klagte: „Ach! es sei die letzte meiner Tränen, / Die dem lieben Griechenlande rann, / Lasst, o Parzen, lasst die Schere tönen, / Denn mein Herz gehört den Toten an!“ So fand auch die hysterische Untergangssucht dieses Dichters ein Vorbild: in der großen lieben Mutter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)