Athen wählt. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?

Die Lage in Europa ist dramatisch, sagen die politischen Experten. Woran erkennt man aber, wie das Spiel um den entfesselten Euro ausgeht?

Theaterbesucher, vor allem fleißige, kennen diese Momente tiefer Verunsicherung, meist gegen Mitternacht: In welchem Stück befinde ich mich? Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Große Mimen pflegen dann die Souffleuse anzuherrschen: „Keine Details, bitte!“

Gott sei Dank sind diese Grenzerfahrungen in arrivierten Häusern selten. Dafür aber läuft in der harten Realität der Ökonomie seit den ersten Crashs des neuen Jahrtausends ein absurdes Endspiel. Sowohl die schicken Junk-Bond-Experten im Sparverein des Gegengiftes als auch die gewöhnlichen Besitzer von Girokonten fragen sich seither: Sollen wir lachen oder weinen bei diesem Euro-Theater, das sich simultan in Brüssel, Frankfurt und Athen abspielt? Woran erkennt der Experte, ob ein Stück gut oder schlecht ausgehen wird?

Ein Seitenblick auf das antike Drama sollte eigentlich helfen, doch leider lässt uns der Philosoph in diesem Fall im Stich. Der Teil der Poetik, in dem Aristoteles das Wesen der Komödie erklärt, ist verschollen. Nur Vorlesungen über Tragödie und Epos sind erhalten. Vielleicht ist das Semester übers Lächerliche entfallen, weil Alexander voll Mordlust gegen die Triballer an der Donau zog, vielleicht haben die Dominikaner die Rolle versteckt und lesen sich daraus nur zu Sankt Hilarius vor.

Aber es bleibt ja noch die Praxis. Wann weiß man bei Euripides oder Aristophanes, ob die Lage wirklich ernst ist oder nur komisch? Ich muss gestehen: Zwischen Komödie und Tragödie ist ein schmaler Grat. Bei Ersterer erheitern niedere Stände, bei Letzterer fallen hohe Damen und Herren tief. Das Lustspiel hat mehr Trottel als Helden, das Trauerspiel strotzt vor gescheiterten Existenzen, die an Hybris leiden. Egal, ob sie gut oder böse sind, das war schon damals keine wichtige Kategorie. Aber heute sind auch oben und unten, Idiot und Experte, kaum zu unterscheiden. Eine Tragikomödie!

Man könnte also nur abzählen, wie viele Helden die EU-Kommission hat, wie viele lustige Personen der EU-Rat, wie viele Verbrecher die Hochfinanz. Nutzt alles nix! Entscheidend ist das retardierende Moment im vierten Akt. Schaut es dort erst gut aus, wird es meist ganz bös – und vice versa. Das führt zum Knackpunkt: keine Details! Welcher Akt in Griechenland? Wer das nicht weiß, hat garantiert verschlafen.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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