Zum 17. Mal ging am Samstag die Regenbogenparade über den Ring. Was als Protest begann, ist nun zu einer großen Party geworden. Ist der Kampf um Homosexuellen-Gleichberechtigung gewonnen?
Im großen Bierzelt auf dem Rathausplatz fehlt ein bisschen die Schunkelmusik, damit das Stammtischambiente vollständig ist. Die Bierbänke sind gut gefüllt, die Gläser auch, die Gäste an einem Tisch können sich kaum mehr halten vor Lachen. Am Nebentisch wird auch gelacht, wenn auch etwas vornehmer. Es sind zwei Transvestiten, die ihre aufwendig frisierten Köpfe zusammengesteckt haben und plaudern; beide sind silbrig geschminkt, glänzend angezogen und insgesamt wirken sie wie ein Kontrastprogramm zum Bierzelt.
Die Regenbogenparade am gestrigen Samstag war voller Kontraste. Alt, jung, schrill, dezent, Samba und Techno – bereits zum 17. Mal haben homosexuelle und Transgender-Personen sowie ihre Freunde eine große, wenn auch familiäre Party veranstaltet. Richtig ausgefallen waren die wenigsten, bunt aber die meisten. „Ich mag endlich tanzen“, sagt eine Frau in Rosa, die den Beginn der Parade um 15 Uhr offenbar kaum erwarten kann. Ein paar Meter weiter, vor dem Burgtheater, tanzen die meisten schon, wenn auch nur für die Fotografen. Ein junger Mann in schwarzem Tüllrock, einer Fliege und sonst nichts, gibt ein dankbares Fotomotiv ab. Er scheint für knapp 30 Grad am besten ausgerüstet zu sein.
Keine Exoten mehr. Was vor 17 Jahren als Protestveranstaltung begann, als schrille Kundgebung mit dem Ziel, von den gesellschaftlichen Randbezirken in die Mitte zu rücken und sichtbar zu werden, ist heute in erster Linie eine ausgelassene Party mit lauter Musik. Lesben und Schwule sind im Wien des Jahres 2012 keine Exoten mehr, die ihr Leben als Schattendasein fristen – auch nicht im restlichen Österreich. Als etwa Anfang vergangenen Jahres angekündigt wurde, dass in der ORF-Show „Dancing Stars“ zwei Männer miteinander tanzen werden (Alfons Haider, Vadim Garbuzov), ging ein Pro-forma-Aufschrei durch das Land, nur kurze Zeit später blieb allenfalls noch ein Flüstern zurück. Und erst kürzlich hat ein Pfarrgemeinderat im niederösterreichischen Stützenhofen kurz die Gemüter erregt, als bekannt wurde, dass er homosexuell ist und in einer eingetragenen Partnerschaft lebt. Kardinal Christoph Schönborn hat den Pfarrgemeinderat nach anfänglichem Veto dann in seinem Amt „bestätigt“.
„Es hat sich unglaublich viel verändert“, fasst der Bundesrat und Sprecher der „Grünen Andersrum“, Marco Schreuder, die vergangenen zwei, drei Jahrzehnte zusammen. Heute wolle die Community mit der Parade ihre Erfolge feiern, zeigen, dass man stolz auf sich sein könne. Dabei scheint besonders bei den Grünen ein Coming-out nie schwierig gewesen zu sein. So bekennen sich, um zwei Namen zu nennen, die Europaabgeordnete Ulrike Lunacek und Wiener Gemeinderätin Jennifer Kickert offen zu ihrer Homosexualität.
Auch die SPÖ ist kein passiver Beobachter mehr (auch wenn es an Politikern mangelt, die sich geoutet haben). „Geschlechtsidentitäten sind vielfältig“, heißt es in einer Aussendung der (für Antidiskriminierung zuständigen) SP-Stadträtin Sandra Frauenberger anlässlich der Regenbogenparade. Heuer wurde das „Pride Village“ erstmals auf dem Rathausplatz veranstaltet; insgesamt fand diese fünftägige Info-Kampagne zum zweiten Mal statt.
Und selbst in der Volkspartei gebe es Bewegung, sagt der Psychotherapeut Johannes Wahala, der die Beratungsstelle „Courage“ für gleichgeschlechtliche Lebensweisen leitet. Immer mehr Politiker würden ihm hinter vorgehaltener Hand erzählen, dass sich ihre Partei öffnen müsse. Öffentlich und ernsthaft werden derzeit auch die Fragen diskutiert, ob Adoptionen und künstliche Befruchtungen für homosexuelle Paare zugelassen werden dürfen und sollen. Zumindest seit 2010 können sich Lesben und Schwule „verpartnern“ lassen. Bis Ende 2011 sind 1138 Paare eine eingetragene Partnerschaft eingegangen, davon waren 709 männlich.
Dabei impliziert bereits die viel zitierte Bezeichnung „Homo-Ehe“, dass es sich hierbei um keine vollständige Gleichstellung zur konventionellen Ehe handelt. Statt eines „Familiennamens“ haben homosexuelle Paare einen „Nachnamen“. Die Verpartnerung findet nicht auf dem Standesamt, sondern in der Bezirkshauptmannschaft bzw. im Magistrat statt. Daher ist die Homo-Ehe für die Betroffenen ein wunder Punkt. „Im rechtlichen Bereich gibt es noch viel zu fordern“, sagt Christian Högl, Obmann der Homosexuelleninitiative Wien (Hosi).
Die zweite große Baustelle sehen viele Betroffene bei der Bekämpfung von Homophobie. „Wir hören ja immer noch Äußerungen vom rechten Rand und von religiösen Fundamentalisten“, sagt Schreuder. Und in den Schulen werde „schwul“ als Schimpfwort benutzt. Veranstaltungen wie die Parade seien daher durchaus auch weiterhin als Protest zu verstehen. Oder wie Wahala sagt: „Wir sind bei Weitem noch nicht in einer Gesellschaft, die sich der Vielfalt der geschlechtlichen Identitäten geöffnet hat.“
Stolz der Community. Aber – und da sind sich die meisten einig – man befindet sich auf dem richtigen Weg. In Wien werden Demonstranten und Teilnehmern der Parade keine Steine und Schimpfwörter nachgeworfen, im Gegensatz zur „Rainbow Pride“ im nahen Bratislava. Die prekäre Situation der homosexuellen und Transgender-Personen in Osteuropa wird daher von den Wienern verstärkt ins Visier genommen: Ihre Stadt soll als Musterbeispiel etabliert werden, einerseits für den Stolz der Community, andererseits für den offenen Umgang der Gesellschaft mit Homosexualität.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)