Der Vater des Computers, Alan Turing, hätte kommende Woche seinen 100. Geburtstag gefeiert. Wie aus einem theoretischen Konzept eine Realität wurde, die die Welt veränderte.
Auf den ersten Blick sieht das verdächtig nach einem verpfuschten Leben aus: In der Schule bei vielen Prüfungen durchgefallen, dadurch war ein erstklassiges College unerreichbar. Später folgte eine Anklage wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“, am Ende stand (höchstwahrscheinlich) ein Selbstmord durch Zyankali. Andererseits hinterließ kaum ein anderer Forscher so tiefe Spuren in der Welt wie jener Mensch, dessen Leben oben skizziert wurde: Alan Turing – sein Geburtstag jährt sich kommenden Donnerstag zum 100. Mal – schuf beinahe im Alleingang die Grundlagen aller heutigen Computer.
Seine bahnbrechenden Arbeiten sind eng mit Österreichern verknüpft. Als 24-jähriger Mathematikstudent griff Turing einen wichtigen Satz von Kurt Gödel auf und übersetzte ihn von einer mathematischen Sprache in einfache Geräte, die später als Turing-Maschinen berühmt wurden: Er konnte beweisen, dass diese Maschinen jedes vorstellbare mathematische Problem lösen können, sofern dieses auch durch einen Algorithmus gelöst werden kann. Turing-Maschinen sind bis heute das wichtigste Denkmodell in der Informatik. Mit ihnen konnte Turing auch Gödels Unvollständigkeitssatz beweisen: dass es im Allgemeinen keine Möglichkeit gibt zu sagen, ob eine Aussage beweisbar ist.
Wichtig für seine Arbeit wurde auch die Begegnung mit Ludwig Wittgenstein in Cambridge: Die beiden diskutierten viel, den Berichten zufolge stritten sie auch heftig, weil der Philosoph der Meinung war, dass die Mathematik überbewertet sei, während Turing den mathematischen Formalismus vehement verteidigte. Später wurde bekannt, dass er mit seiner Überzeugung im Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich war: beim Bau von Maschinen, die die deutsche Enigma-Verschlüsselung knacken konnten. Nach Kriegsende floss dieses Wissen in den Bau der ersten echten Computer ein.
Bald faszinierte ihn das Wesen von Intelligenz – und er entwarf den Turing-Test als Kriterium dafür, ob wir eine Handlung als „intelligent“ ansehen sollen: Wenn man nicht unterscheiden kann, ob eine Antwort von einer Maschine oder von einem Menschen kommt, dann muss man der Maschine Intelligenz zuschreiben. 1952 schrieb er auch das erste Schachprogramm. Da die damaligen Computer dafür aber nicht leistungsfähig genug waren, führte er die Rechnungen per Hand aus. Als 40-Jähriger, zwei Jahre vor seinem Tod, wandte sich Turing noch der Biologie zu. Er fand eine Erklärung, wie bei Lebewesen Muster entstehen. Erst heute ist man imstande, die biochemischen Prozesse hinter diesem Turing-Mechanismus zu identifizieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)