Der Verein Hemayat hilft Kriegsüberlebenden, die Folgen von Folter und Gewalt zu überwinden und betreut Menschen aus über 40 Ländern. Dabei zittert der Verein selbst um seine Existenz.
Es sind Situationen wie diese, die ihre Klienten immer wieder durchleben müssen: Ein Mann wird aus seiner Gefängniszelle geholt und von Männern in Uniform an die Wand gestellt. Er erzählt, wie sie ihm einen Sack über den Kopf ziehen, die Pistolen entsichern. Dass er Todesangst hat – und dass er Putzmittel riecht. Putzmittel? Ja, die Erinnerung daran ist sehr deutlich. Und dann, erzählt er, hört er einen Schuss.
In einem anderen Land wird derweil eine Frau auf ein Bett geworfen. Soldaten sind in ihr Haus eingedrungen. Sie suchen den Vater, den Bruder, den Ehemann. Niemand hört ihre Schreie. Nur in der Ecke wimmern die Kinder, hilflos, weil sie zusehen müssen, wie die Mutter vergewaltigt wird.
Es sind Szenen wie diese, mit denen sich die Psychologen, Psychiater und Ärzte des Vereins Hemayat (arabisch für „Schutz“) täglich auseinandersetzen müssen. Seit 17 Jahren betreut der Verein Folter- und Kriegsüberlebende aus der ganzen Welt. Im vergangenen Jahr waren es 651 Frauen, Männer und Kinder. Etwa die Hälfte kommt aus Tschetschenien, gefolgt von Afghanistan, dem Iran, der Türkei – und seit neuestem vermehrt aus Syrien. Die meisten ihrer Klienten leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung, sagt Hemayat-Geschäftsführerin Cecilia Heiss. Das heißt, sie können nicht einschlafen, sind ängstlich, nervös, depressiv, haben Schuldgefühle, werden von Albträumen und Flashbacks gequält, die sie auch an einem harmlosen Sommertag im sicheren Österreich plötzlich wieder in Todesangst versetzen.
Hemayat setzt nun Psychotherapien ein, damit die Kriegsopfer diese Traumata aufarbeiten können. „Wobei jeder Mensch mit anderen Ressourcen arbeitet“, sagt Heiss. Bei manchen hilft reden besser, bei anderen malen. Gemeinsam haben sie, dass sie wieder eine Chronologie in ihre Erinnerungen bringen müssen. Einen roten Faden in die eigene Geschichte, weil Traumaopfer das Erlebte im Gehirn quasi „aufspalten“ und dann wirr und zeitlich falsch abspeichern. „Das ist eine Schutzfunktion, weil die Psyche sonst damit nicht fertig wird“, sagt Heiss. Die Betroffenen können sich daher nur mehr bruchstückhaft an das Erlebte erinnern. Und an seltsame Details. Was haben sie gehört? Fröschequaken. Wie hat es gerochen? Nach Putzmittel.
Der Körper schützt sich. Eine Tatsache, die vielen ihrer Klienten in Asylverfahren negativ ausgelegt würde. „Es wird dann nicht verstanden, warum ein Asylwerber mit lachendem oder mit völlig teilnahmslosem Gesicht von seinen Foltererlebnissen erzählt.“
So wie der 36-jährige Magomed aus Tschetschenien. Ein durchtrainierter Mann mit gepflegten Händen, der aus Angst seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Magomed ist ein politischer Flüchtling, der in seinem Heimatland mehrmals gefoltert wurde – und dort bis heute gesucht wird. In der Nacht plagen ihn Albträume, tagsüber Angst, Depressionen und Bluthochdruck. Innerhalb eines halben Jahres sind seine Haare grau geworden. Grund dafür ist sein Asylverfahren, das negativ beschieden wurde. Jetzt kämpft er noch um sein Bleiberecht. „Wenn ich die Polizei sehe, ist es vorbei mit mir“, sagt Magomed. Nach den Kriegserlebnissen zermürbt ihn die Angst, abgeschoben zu werden.
Zu Hemayat ist er gekommen, um endlich über seine Geschichte reden zu können. Ein Fixpunkt in seiner Woche, die abgesehen vom Deutschkurs kaum Struktur und Alltag bietet. „Ich hatte damals Angst, den Verstand zu verlieren“, sagt Magomed heute. Dabei hat er noch Glück gehabt, gleich einen Betreuungsplatz bei Hemayat zu bekommen. Denn der Verein, der von Spenden und Fördergeldern lebt, kämpft seit jeher um seine Existenz. In den vergangenen Jahren ist es sogar schlimmer geworden. „Unsere Basisfinanzierung ist nicht gesichert“, sagt Geschäftsführerin Heiss. Es fehlt an finanzkräftigen Investoren, Spendengeldern, auch an mehr Unterstützung durch die öffentliche Hand. „Eigentlich benötigen wir alles“, sagt Friedrun Huemer, Obfrau des Vereins. Und das ziemlich schnell.
Kinder zeichnen. Im Durchschnitt muss ein Hemayat-Klient fünf Monate warten, bis er es von der Warteliste auf einen Therapieplatz schafft. „Manchmal haben wir akut suizidgefährdete Menschen und wir können nicht genug für sie tun“, sagt Huemer.
Eine Gruppe, die auch nicht genügend Aufmerksamkeit bekommt, sind Kinder. „Die sind oft indirekt traumatisiert, weil sie zusehen müssen, was ihren Eltern passiert“, sagt Heiss. Wenige sprechen darüber, dafür zeichnen sie Bilder von Leichenteilen. Beim Hemayat-Sommerfest (siehe Infokasten) will der Verein jetzt Spenden für 25 Kinder sammeln, die derzeit auf einen Therapieplatz warten. Sie sollen bald andere Bilder zeichnen. Von einem Leben, wie es Magomed erträumt: „Ich kann spazieren gehen, arbeiten, eine Familie gründen.“ Niemand muss dann Angst haben. Etwa vor Tagen, an denen es nach Putzmittel roch.
Der Verein Hemayat betreut Folter- und Kriegsüberlebende aus über 40 Ländern.
Beim Hemayat-Sommerfest am Freitag, dem 22. Juni 2012, um 19 Uhr auf dem Wiener Badeschiff werden Spenden gesammelt, damit 25 schwer traumatisierte Kinder, die derzeit auf der Warteliste stehen, einen Therapieplatz bekommen. Infos unter: www.hemayat.org
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)