Zukunft der EU

Dieser Sonntag ist ein entscheidender für die Zukunft der EU, meinen die Auguren – wegenGriechenlands zweiter Wahl. Was sagen die Nachbarn zur Krise in Athen und in der Union?

In Zeiten der Not wendet sich der brave Bürger ratsuchend an ein kleines neutrales Land, das dem Erdteil inmitten liegt. Die Schweiz ist bei der Bewältigung kontinentaler Verwerfungen eigentlich immer top, so kann es also kein Fehler sein, am Tag vor der Kulmination des Griechenland-Dramas die Neue Zürcher Zeitung zu studieren. Im Leitartikel erörterte sie am Samstag den wahren„Daseinszweck der Union“. Sie vergleicht unser buntes Flickwerk mit Russlands korrupter Autokratie: „Wenngleich dies angesichts galoppierender Staatsschulden und kollabierender Banken momentan nicht recht einzuleuchten scheint, sind Europa und die EU ein Erfolgsmodell. Dieses ist allerdings bedroht – wirtschaftlich, aber mehr noch durch einen politischen Irrweg.“

Das ist Balsam und Jodtinktur zugleich. Europas Erfolg verdanke sich der Vielfalt: „Der Wurmfortsatz der eurasischen Landmasse war trotz seiner geringen Größe nie eine monolithische Einheit.“ Selbst die EU berücksichtige nationale Eigenarten. Das ist wohl gut so: „Die europäische Einigung hat aus den Griechen keine Sirtaki tanzenden Deutschen gemacht.“ Nun aber gebe es in der Krise eine Tendenz, sich vom „lebendigen Patchwork in Richtung postsowjetischen Zentralismus“ zu bewegen. Im Kern gehe es Leuten wie EU-Ratspräsident Van Rompuy um Kompensationsgeschäfte: „Vergemeinschaftung der Schulden gegen eine umfassende Haushaltskontrolle durch Brüssel.“ Motiviert sei dies durch die Furcht vor finanzieller Kernschmelze. Was sagt die NZZ? Sie warnt vor mehr Integration: „Angst ist kein guter Ratgeber.“ Da hat sie recht. Es ist der falsche Zeitpunkt, aus einem Staatenbund einen Bundesstaat zu machen. Es lebe der Kantönligeist der Subsidiarität. Lasst die Griechen wählen und dann auch wirklich austreten!


Billige Soap. Nun ist die Schweiz tatsächlich recht weit vom Balkan entfernt. Eine zweite Meinung wäre also angebracht. Wie denkt man in der Türkei über die Krise im Westen? Interessanter als jeder Kommentar ist eine simple alte Geschichte, die in der Istanbuler Tageszeitung Hürriyet, stand: Türkische Soaps werden im Nachbarland immer beliebter. Die Griechen könnten sich das Ausgehen nicht mehr leisten, also sei mehr Fernsehen angesagt. Dazu braucht es Stoff, und türkische Serien passten gut zur griechischen Gesellschaft. Deshalb würden Minidramen wie „Liebe und Strafe“ zu Hits. Eine der Sendungen heißt sinnigerweise „Verbotene Liebe“. Wenn das kein schönes Motiv für Nachbarschaftshilfe ist! Aber auch ein anderer Grund dürfte triftig sein. In Athen kostet die Produktion einer Folge rund 75.000 Euro, die Türken produzieren um rund 7500 Euro. Womit wir wieder in der schnöden Welt der harten Wirtschaft gelandet sind, wie wir sie aus Zürich kennen.

norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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