Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Evolution via Voting: Pop für Darwinisten?

Symbolbild
(c) Bilderbox
  • Drucken

Funktioniert Kulturentwicklung auch mit Mutation und Selektion? Englische Forscher erproben Komposition durch Konsumentenwahl. Einstweilen klingen die Ergebnisse weniger nach Hits als nach Minimal Music.

Gäbe es einen Preis für den besten Titel einer Presseaussendung eines wissenschaftlichen Instituts, das Imperial College of London hätte ihn dafür verdient: „On the Origin of Music by Means of Natural Selection or the Preservation of Favored Ditties (Liedchen, Anm.) in the Struggle for Existence“.

Das Vorbild ist ehrwürdig: „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“, so hieß das 1859 erstmals erschienene Buch, in dem Charles Darwin die Evolutionstheorie begründete. Der Ansatz ist so schlicht wie genial: 1) Individuen einer Population unterscheiden sich voneinander, diese Variationen sind erblich. 2) Individuen, die besser an die Umwelt angepasst sind, haben eine höhere Überlebenschance und (damit) mehr Nachkommen; sie werden in der Population häufiger. Das nennt man natürliche Selektion.

Heute weiß man, dass die Variationen in den Genen liegen, die aus DNA bestehen, und durch deren Mutation entstehen. So hat das Zusammenspiel aus (zufälliger) Mutation und (durch die Umwelt gesteuerte) Selektion den Reichtum des Lebens hervorgebracht. Das ist Evolution.

Funktioniert dieses Prinzip auch anderswo? Richard Dawkins hatte schon in seinem Buch „The Selfish Gene“ (1976) eine Idee: Er schlug vor, für die kulturelle, geistige Entwicklung ein Analogon zum Gen zu definieren: das „Mem“. Er schrieb: „Beispiele für Meme sind Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen. So wie sich Gene im Genpool vermehren, indem sie sich mit Hilfe von Spermien oder Eizellen von Körper zu Körper fortbewegen, verbreiten sich Meme im Mempool, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen, vermittelt durch einen Prozess, den man im weitesten Sinn als Imitation bezeichnen kann.“

Arman Leroi und Kollegen vom Imperial College London haben diese Idee (die man wohl selbst als Mem bezeichnen darf) auf Musik angewandt. „Evolution of Music by Public Choice“ heißt ihre in Pnas (online 18. 6.) erschienene Arbeit, und ihr Selektionskriterium ist simpel: Die Hörer dürfen entscheiden. Auf der Website „darwintunes.org“ kann man sich kurze Musikstücke („loops“) anhören und „voten“: „I love it!“, „I like it“, „It's OK“ oder „I don't like it“.

Das ist die Selektion. Die Mutation ist genauso simpel: Die Stücke verändern sich „von Generation zu Generation“ leicht. Dazu kommt Sexualität: Jeweils zwei erfolgreiche Loops werden zu einem Paar, tauschen sich aus und erzeugen zwei „Töchter“.

Die Musik wird immer gefälliger

Wie klingt das? Zunächst einmal: elektronisch. Es werden weder menschliche Stimmen noch Instrumente verwendet. Man kann auf der Website auch den evolutionären Fortschritt verfolgen, derzeit bis zu 3000 Generationen. Er verläuft wie erwartet: Die Musik klingt immer gefälliger, geordneter, harmonischer. Die ersten Generationen wirken wie Laptop-Musik, wie man sie vor ca. 15 Jahren in avantgardistisch gesinnten Musiklokalen (wie dem Wiener „rhiz“) hörte: Rhythmen ändern sich jäh, die Sounds sind schroff, oft von der Art, die man als „Störklänge“ empfindet. Spätere Generationen erinnern verblüffend an Minimal Music à la Terry Riley oder Steve Reich: Die Sounds sind tendenziell lieblich, die Muster ändern sich nur wenig, aber das Tempo ist schnell, die Stimmung entsprechend nervös. In Cocktail-Lounges würden die Gäste wohl nach sanfterem Groove rufen.

Melodien entstehen kaum, größere Spannungsbögen schon gar nicht, das liegt gewiss am Material und an der Methode dieser Evolution: Die „Umwelt“ (also die Menge der Hörer) gibt im Grunde keine Richtung vor. „Wir fragten uns, ob die Konsumentenwahl die wirkliche Kraft hinter dem unbarmherzigen Marsch des Pop ist“, sagt Leroi. „Immer wenn jemand lieber einen Track herunterlädt als einen anderen, trifft er eine Wahl. So, meinten wir, sollten wir eine Popmelodie erzeugen können.“

Was Leroi nicht sagt: Das hat (noch) nicht funktioniert. Die Methode bedarf einiger Verfeinerung, so müsste man wohl darüber grübeln, ob und wie man in dieser musikalischen Evolution zwischen Genotyp und Phänotyp unterscheiden soll.

Einstweilen müssen sich die Komponisten keine Sorge machen. Mit einer Ausnahme: Der US-Minimalismus ist offenbar recht gut automatisierbar.