„Europa erfindet die Zigeuner“. Klaus Michael Bogdal hat ein Opus magnum über die Geschichte der Zigeunerverachtung geschrieben. Am Dienstag ist er in Wien bei einer Diskussion im Burgtheater-Kasino zu hören.
In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verzeichnen Stadtchroniken allerorten in Europa die Ankunft merkwürdiger Fremdlinge, wie man sie hier nie zuvor gesehen hat. Einige Gruppenmitglieder sind reich gekleidet, haben Geld und Schmuck, die meisten schauen ärmlich aus. Die Anführer nennen sich Herzöge oder Grafen, verweisen auf Schutzbriefe von höchsten Herrschern bis hin zum römisch-deutschen König Sigismund. Sie sind gesittet, bezahlen für Essen und Trinken. Sogar Bischöfe hätten sie dabei, die „für christliche Ordnung sorgen“ würden. Pilger seien sie, erzählen die Fremdlinge, aus Ägypten verbannt, um durch Wanderschaft für die Sünden ihrer Vorfahren zu büßen . . . – so beginnt die Geschichte jener Menschen, die schon 1427, wenige Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, „Zigeuner“, „gens ciganorum, vulgariter cigäwnäer“ genannt wurden.
„Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört. Vietnamesen schon, aber Sinti und Roma egal.“ Für den in Bielefeld lehrenden Germanisten Klaus-Michael Bogdal hat es so angefangen, mit diesen Worten einer 16-jährigen Schülerin, die sich in Rostock-Willenhagen an einem Brandanschlag auf ein Asylantenheim beteiligt hat. Bogdal wollte der Geschichte einer Verachtung auf den Grund gehen und fand, dass sie noch nicht geschrieben war. Also begann er selbst damit – und brauchte 20 Jahre.
„Spekulationen, viele latent rassistisch“
„Als ich damit anfing, gab es überhaupt nichts“, erzählt Bogdal, der heute, Dienstag, im Burgtheater-Kasino an einer Diskussion über „Neue Heimaten“ teilnimmt: „Nur zusammengeschriebene Sachen voller Ungereimtheiten und Spekulationen, viele davon latent rassistisch. Während meiner Arbeit haben auch andere zu forschen angefangen, aber sie konzentrierten sich auf die Zeit des Holocaust.“ Sein Buch „Europa erfindet die Zigeuner“ ist eine Geschichte der Romvölker (wie er sie nennt), wie sie von außen gesehen wurden. Eine andere Sicht ist schwer möglich. Die Menschen, um die es hier geht, haben bis in die jüngste Zeit keine Selbstzeugnisse hinterlassen; nicht einmal kleinste Relikte wie Scherben oder ein Stück Stoff sind erhalten aus der Zeit ihrer Ankunft in Europa.
„Mich hat erstaunt, mit welcher Gleichförmigkeit in Gesamteuropa, von Finnland bis Spanien, die Bilder entstanden sind, in einer Zeit, in der man nicht wie heute durch Medien kommunizierte“, erzählt Bogdal. Der Begriff der Verachtung treffe das Verhältnis am besten. „Mit den Juden ist es anders, da gibt es ein Auf und Ab, bei Roma gibt es nur die Verachtung.“
Die stellte sich bald ein, obwohl die Fremdlinge vielerorts anfangs wohlwollend aufgenommen wurden. Innerhalb weniger Jahre schlug die Stimmung um. Sehr früh schon liest man, sie seien „die besten Diebe, die es in der Welt gab“. „Dürr“ seien sie, „schwarz“ und „essen wie die Schweine“. Auch die Mutmaßungen über ihre ägyptische Herkunft waren bald nicht mehr schmeichelhaft. Sie seien wohl Nachfahren des biblischen Ham, wie die ebenfalls zum Abschaum gehörenden „Erdrandsiedler“ bei Marco Polo, wurde etwa spekuliert – Ham galt als ein Urvater menschlicher Unzivilisiertheit, weil er seinen im Schlaf entblößten Vater Noah schamlos angeschaut habe.
Von „Zigeunern“ spricht Bogdal, weil sein Buch eine Geschichte der Fremddarstellung ist. „Wenige der Betroffenen wollen diesen Begriff, und die kommen meist aus der Unterhaltungsbranche, da lässt sich mit dem Begriff Geld machen.“ Bogdal plädiert für den Begriff „Romvölker“. „,Rom‘ ist eine Selbstbezeichnung. Es heißt freilich nicht Mensch, wie oft gesagt wird, sondern eigentlich Gatte oder Ehemann.“
Die von den Zigeunern selbst verbreitete Geschichte, dass sie aus Ägypten seien, hielt sich bis Ende des 18. Jahrhunderts, als man die enge Verwandtschaft ihrer Sprache mit dem Sanskrit entdeckte und begann, sie als Inder zu sehen – und zwar bevorzugt als Paria. Woher das Wort „Zigeuner“ kommt, ist Bogdal zufolge bis heute ein Rätsel – auch wenn man auf Wikipedia lesen kann, dass es „mutmaßlich byzantinischen Ursprungs“ sei. „Die Herleitung aus dem Griechischen klingt plausibel, ist aber wissenschaftlich nicht haltbar. Nein, wir wissen es einfach nicht.“
Ägyptische Magier? Moslemische Spione?
In der Neuzeit wurden die Zigeuner abwechselnd für ägyptische Magier, moslemische Spione, getarnte Juden oder Kinder Satans gehalten. Im protestantischen Schweden durften Zigeunerkinder nicht getauft werden, im katholischen Spanien wurden die Familien getrennt, Kinder unter zehn Jahren ihren Eltern entrissen, die Verwendung von Tracht, Name und Sprache der „Gitanos“ wurde strengstens verboten.
„Aber vereinzelt gab es positive Entwicklungen“, erzählt Bogdal. „In Russland etwa hatten sie ab dem 18. Jahrhundert interessante Formen von Integration, sie wurden Bestandteil der Unterhaltungsindustrie, viele Familien kamen zu Wohlstand, weil sie Theater oder Chöre betrieben, sie ließen ihre Kinder studieren, gaben aber trotzdem nicht ihre Kultur auf.“ Für die Gegenwart, meint Bogdal, wirft das Fragen auf: „Warum suchen wir immer nach den größtmöglichen Unterschieden, warum nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner?“ Zum Beispiel die Heimatlosigkeit – in Zeiten der Globalisierung ein sehr zukunftsfähiges Konzept.
Klaus Michael Bogdal: „Europa erfindet die Zigeuner“ (Suhrkamp, 25,60 Euro). Im Rahmen der Burgtheater-Reihe „Kakanien – Neue Heimaten“ ist Bogdal gemeinsam mit der ungarischen Autorin und Dokumentarfilmerin Kriszta Bódis und Roncalli-Direktor Bernhard Paul zu Gast bei Philipp Hauß. Kasino, 20 Uhr. [ Bogdal ]