Für Voodoo gibt es bisher bei der EM noch keine Rote Karte

Eine Spielerpuppe, die mit Nadeln gequält wird, ist billige Zauberei. Aber dass sie bei einem Ritual wie Fußball zum Einsatz kommt, ist kein Wunder.

Die Geschichte aus seiner Schulzeit hat den renommierten Historiker, der für seine Geschichte der Kreuzzüge weit über die Grenzen des Empire hinweg berühmt ist, bis ans Lebensende verfolgt. Im Sterben liegend, gestand Steven Runciman mit 97 Jahren im Jahr 2000 in einem Brief, dass er und sein Mitschüler Eric Blair 1917 in Eton Voodoo praktiziert hatten. Sie hatten eine Wachspuppe geformt, sie nach einem rüden Mitschüler benannt und das Bein gebrochen. Der damit gemeinte Philip Yorke hatte die kleineren Mitschüler, wie das in englischen Eliteschulen Brauch ist, terrorisiert.

Zum Entsetzen der beiden Teenager schien der Zauber aber stärker zu wirken als geplant. Yorke brach sich tatsächlich das Bein und starb kurz darauf an Krebs. Eric Blair war so schockiert, dass er seinen Namen in George Orwell änderte, damit sich niemand in ähnlicher Form an ihm rächen könne. Er wurde tatsächlich zu einem berühmten Schriftsteller mit hohen moralischen Ansprüchen. Über den bösen Zauber hat er sich offenbar nie geäußert, ohne das späte Eingeständnis von Runciman wüsste man gar nichts davon, aber vielleicht sind ja im Roman „1984“ Hinweise auf den Fluch versteckt, die man bisher aus politischer Ignoranz nicht zu deuten wusste.

Riten der Schamanen machen selbst in unseren aufgeklärten Zeiten noch immer Angst. Und wer hat kein ungutes Gefühl, wenn der Kalender einen 13. als Freitag anzeigt? Wer geht schon gerne unter Leitern durch oder quert die Wege schwarzer Katzen? Reste von Aberglauben dürften sogar Atheisten haben, die „nur zum Spaß“ im Horoskop lesen, was die Sterne sagen. Zauberei aber erlebt vor allem dann eine Blütezeit, wenn die Stammeszugehörigkeit eine Rolle spielt, wie eben bei der Fußball-EM.

Die Werbung, in der ein Holland-Fan beim Fernsehen einer deutschen Spielerpuppe die Nadel in die Wade treibt, worauf der Stürmer in dem Spot tatsächlich beim Elfer versagt, hat, wie berichtet, beträchtliche Aufregung verursacht. Der Werberat jedenfalls hat die Zocker-Firma, die diese billige Form der Medien-Zauberei betreibt, leicht getadelt.

Das ist nicht konsequent. Um die Übeltäter wirklich zu strafen, müsste man blaugrüne Puppen formen und mit falschen Münzen bewerfen, während man obskure Wettformeln aufsagt. Aber bei schwarzer Magie ist unsere aufgeklärte Region seit Fausts Himmelfahrt nicht mehr führend.

Es ist auch zu bezweifeln, ob der Titelkampf tatsächlich durch solche bösen Tricks entschieden wird – außer es gewinnen die Falschen. Wie stark die Kräfte des Voodoo sind, erfährt man am ehesten beim Afrika-Cup. Von den Yoruba im heutigen Nigeria stammt diese Fetisch-Religion, die später in der Karibik von Sklaven verfeinert wurde. Oliver Becker hat vor der WM 2010 in Südafrika sogar ein entsprechendes Buch geschrieben: „Voodoo im Strafraum. Fußball und Magie in Afrika“. Kaum eine ehrgeizige Mannschaft verzichtet dort auf einen „Witchdoctor“, der mit Löwenfett, Affenhänden, Zaubertränken und Ritualen das eigene Team stärkt.

Solchen Hokuspokus sollte man nicht überheblich belächeln. Denn ist es nicht Magie, was Wundermänner wie Ronaldo oder Rooney mit dem Ball treiben? Auch der Fußball stammt aus argen Ritualen. Als der Wahnsinn erfunden wurde, in China, Mexiko oder Dänemark, haben die Champions, so geht die Sage, mit den Köpfen besiegter Feinde gekickt.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2012)

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