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''Lohnpfändung funktioniert für Gläubiger sehr gut''

Lohnpfaendung funktioniert fuer Glaeubiger
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Interview. Schuldenmachen ist leicht. Schuldnerberater Alexander Maly hilft Menschen, aus der Abwärtsspirale herauszufinden.

Alexander Maly ist Geschäftsführer der Schuldnerberatung „Fonds Soziales Wien“, einer gemeinnützigen Stelle, die kostenlose Beratung für Privatpersonen anbietet. Ein Schwerpunkt der Beratung liegt in der Information über die rechtlichen Aspekte im Zusammenhang mit Schulden. Außerdem werden in einer gemeinsamen Analyse der wirtschaftlichen Situation des Betroffenen mögliche Lösungen erarbeitet.

Zusätzlich bietet die Schuldnerberatung Unterstützung bei der Vorbereitung des Privatkonkurses und Begleitung im Konkursverfahren an. Im Jahr 2011 fanden in der Schuldnerberatung Wien 20.171 Beratungsgespräche statt. Um 0,7 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Dass den Schuldnern der Weg zur Beratung nicht leichtfällt, zeigt jedoch, dass im Vorjahr auch rund 6500 vereinbarte Gespräche nicht wahrgenommen wurden.

BENCHMARK: Muss man als Schuldnerberater ein guter Psychologe sein?

ALEXANDER MALY: Ja. Noch besser, man ist Sozialarbeiter. Weil man dann ein bisschen mehr Ahnung vom Hintergrund hat, von den Lebensumständen der Betroffenen. Die meisten, die uns aufsuchen, stammen aus sozial sehr schwachen Verhältnissen. Es ist immer gut zu wissen, wie’s dort zugeht.

Gibt es ein typisches Persönlichkeitsprofil eines Schuldners?

Ja. Der typische Schuldner ist männlich. 60 Prozent sind Männer, 40 Prozent Frauen. Er ist nicht sehr alt, also auf jeden Fall unter 40. Und mit einem niedrigen Schulabschluss: Pflichtschule oder maximal Lehre. Sehr häufig spricht er eine andere Muttersprache als Deutsch.

Wann ist der Zeitpunkt erreicht, zu dem Schulden zu einem ernsthaften Problem werden?

Wenn ich mit dem Geld, das ich monatlich zur Verfügung habe, nicht mehr alle Verpflichtungen erfüllen kann, ohne dass ich bei existenziellen Bedürfnissen einsparen muss. Es gibt eindeutige Warnzeichen: zu wenig Geld für die Miete oder für eine andere ständig wiederkehrende Zahlung. Wenn ich das nur mehr abdecken kann, indem ich mein Konto noch mehr überziehe, oder wenn ich dafür womöglich einen Kredit aufnehmen muss, dann ist schon Feuer am Dach. Diese Dinge bekommen dann automatisch eine Dynamik, weil jeder, der sein Geld nicht bekommt, sofort Verzugszinsen draufschlagen kann, also Mahnspesen. Der Gläubiger kann sofort die Klage androhen, einen Rechtsanwaltsbrief schicken, der ja bekanntlich auch nicht kostenlos ist. Es tritt dann eigentlich sehr schnell eine Kosteneskalation ein.

Kann man in Österreich leicht Schulden machen?

Leider ja. Das hängt mit der sehr gut funktionierenden Justiz zusammen. Alles, was es zum Thema Lohnpfändung an Gesetzen gibt, funktioniert in der Praxis für die Gläubiger sehr gut. Das hat dazu geführt, dass in Österreich bedenkenloser Leistungen auf Kredit hergegeben werden.

Wie steht es mit der Gesetzesnovelle zum Thema Privatkonkurs, die seit drei Jahren diskutiert wird?

Momentan schaut es nicht besonders gut aus. Wir befürworten diese Änderungen, aber der Privatkonkurs steht am Ende der Schuldenspirale. Der Gesetzgeber sollte sich vor allem Gedanken darüber machen, warum in Österreich so viele Menschen verschuldet sind. Und warum dieses Problem in anderen Ländern, die wirtschaftlich nicht so gut dastehen, nicht so häufig auftritt. Bei uns sind Leute verschuldet, die gar keine Sicherheiten haben. Eigentlich sollte man sich schon überlegen, was man am Anfang machen kann, damit nicht so viele Menschen in die Pleite schlittern.

Was sind denn die Hauptursachen, die in die Überschuldung führen?

Selten ist eine große Dummheit der Hintergrund, sondern es sind viele kleine Fehlentscheidungen, die kaum auffallen. Das heißt: Ich überziehe mein Konto und decke dieses immer größer werdende Loch ab, indem ich anderswo Schulden mache. Dann bietet mir wieder die Bank einen Kredit, um diese Schulden auszugleichen. Die Durchschnittsverschuldung der Menschen, die in die Schuldnerberatung kommen, liegt zwischen 40.000 und 60.000 Euro. Das heißt aber nicht, dass sie dieses Geld verbraten haben. In den meisten Fällen ist es da ursprünglich um etwa 10.000 Euro gegangen.

Was sind die ersten Rettungsmaßnahmen, wenn einem die Schulden über den Kopf wachsen?

Das Erste ist eine genaue Analyse. Was sind ganz wichtige, was weniger wichtige Zahlungen. Miete, Energie, Alimente für Kinder, Strafen. Wenn ich Letztere nicht zahlen kann, droht die Ersatzfreiheitsstrafe. Alle Kosten, die nicht existenzbedrohend sind, haben geringere Priorität. Wenn jemand etwa nicht verstanden hat, dass die Miete das Wichtigste ist, machen wir mit ihm auch keine Schuldenregulierung. Weil wir mittendrin dann mit einer Delogierung konfrontiert werden. Dann bricht sowieso alles zusammen.

Was sind die Sachen, von denen sich die Leute am wenigsten gern trennen, sich aber häufig trennen müssen?

Da gibt es schon eine Hitliste. Solange sie können, behalten die Menschen ihr Auto, was vor allem im städtischen Bereich absurd ist. Dann gibt es noch ein Paradoxon, das wir immer wieder feststellen: Gerade Menschen, die einkommens- oder bildungsmäßig weit unten rangieren, haben ein besonders großes Sicherheitsbedürfnis. Diese Menschen haben oft Erlebens-, Ablebens- oder Begräbniskostenversicherungen, die sie sich mit ihrem Budget eigentlich nicht leisten können. Entscheiden, ob sie solche Versicherungen aufgeben, müssen die Betroffenen natürlich selbst. Aber diese Dinge werden auf jeden Fall von uns beleuchtet.

Ist mangelndes Wirtschaftswissen ein Mitgrund für die Verschuldung? Etwa bei den Fremdwährungskrediten, die so viele falsch eingeschätzt haben?

Ich würde behaupten, gerade das Beispiel Fremdwährungskredite hat gezeigt, dass fast jeder einmal danebenliegen kann. Da sind auch Universitätsprofessoren in die Falle getappt. In vielen Ländern sind Fremdwährungskredite für private Haushalte verboten, in Deutschland zum Beispiel. Weil das ein zu kompliziertes Instrument ist. Da haben bei uns die Banken erfolgreich verhindert, dass ein Gesetz kommt.

Scheitern heute mehr Leute an der Komplexität von Finanzprodukten als vor zehn, zwanzig Jahren?

Die Fremdwährungskredite haben eine neue Schicht von Schuldnern erschlossen. Wir werden aber erst in etwa drei Jahren sehen, wie sich das abzeichnen wird. Der Gipfel des Fremdwährungsproblems ist noch nicht erreicht. Ich glaube aber, dass im Bankensektor mittlerweile das Bewusstsein gereift ist, dass da eine Zeitbombe tickt.

Sind die Menschen seit der Finanzkrise beim Geldausgeben vorsichtiger geworden?

Ich würde behaupten, dass die Banken vorsichtiger geworden sind. Bei den klassischen Selbstüberschätzungen, die es immer gegeben hat, hat sich nicht viel verändert. Es gibt einfach einen bestimmten Prozentsatz von Menschen, die das Risiko, das sie mit einem Kredit eingehen, nicht richtig einschätzen können. 20 Prozent der Bevölkerung sind potenziell bereit, sich zu überschulden. Hinzu kommt, dass kein Mensch garantieren kann, dass er immer zahlungsfähig sein wird. Der klassische Kredit ist aber darauf angelegt, dass ich ständig zahle. Egal, was passiert. Deswegen sind wir von der Schuldnerberatung auch besonders gegen die Konsumkredite. Damit finanzieren die Leute sich etwas, was keinen bleibenden Wert hat, was man also nicht verkaufen kann, wenn es einmal brennt. Zum Beispiel einen Urlaub.

Wann ist der Privatkonkurs die richtige Lösung und wann nicht?

Der Privatkonkurs ist oft die einzige Lösung, wenn Überschuldung vorliegt. Daher sind wir auch sehr froh darüber, dass es ihn gibt. Und daher hätten wir auch gern, dass er optimiert wird. Nicht anzuraten ist der Privatkonkurs allerdings, wenn jemand noch Vermögen hat. Vermögen, das zum Zeitpunkt der Konkurseröff nung da ist, muss verwertet werden. Wenn ich eine Eigentumswohnung habe, verliere ich diese. Natürlich streiten wir mit den Klagevertretern darüber, was verwertbares Vermögen ist. Aber das ist ein Nebenschauplatz. Bei vorhandenem Vermögen sollte der Schuldner also eher schauen, ob er die Schulden nicht doch noch bezahlen kann.

Beim Privatkonkurs wird der Lohn sieben Jahre lang bis auf das Existenzminimum gepfändet.Was passiert mit Leuten, die für den Privatkonkurs nicht liquide genug sind? Beispielsweise Arbeitslose.

Wir haben 50 Prozent Schuldner, die arbeitslos sind und trotzdem in Privatkonkurs gehen. Diese Leute müssen vom Unpfändbaren, also vom Existenzminimum, Zahlungen leisten. Wenn sie das nicht können, dann können wir ihnen vorübergehend nicht helfen. Das ist bei Jungen nicht so tragisch. Da kommt irgendwann die Situation, in der derjenige wieder etwas verdient – dann machen wir den Konkurs. Tragisch ist es bei Mindestrentnern, wenn klar ist: Das wird sich nie wieder ändern. Da wollen wir eine Änderung in der Insolvenzordnung: Es ist nicht sinnvoll, das ganze staatliche Eintreibungssystem für jemanden am Laufen zu halten, der überhaupt keine Finanzierungsperspektive mehr hat.

Ist Sparsamkeit lernbar? Kann man Leute zur Sparsamkeit erziehen oder zumindest zu einem verantwortungsvollen Wirtschaften?

Beschränkt ist das möglich. Das wichtigste Vorbild ist das Elternhaus. Wer im Nachhinein versucht, etwas an den Verhaltensweisen zu ändern, dem muss klar sein: Er hat nur einen sehr punktuellen Einfl uss. Deshalb halte ich es für sinnvoll, wenn in den Regellehrplänen der Volks- und Hauptschule sowie in der AHS-Unterstufe auf jeden Fall der Umgang mit Geld ein Th ema ist. Und zwar durchgehend in mehreren Gegenständen. Geld durchdringt unser Alltagsleben so extrem, dass es mich schon wundert, dass es im Schulsystem nicht stärker verankert ist.

Wie hoch ist die Rückfallquote bei Schuldnern, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Da muss man unterscheiden: Von 100, die zu uns kommen, sind 50 ernsthaft interessiert, etwas zu tun. Bei diesen 50 haben wir eine hohe Erfolgsquote. 95 Prozent schaff en die Schuldenregulierung und sind spätestens nach sieben Jahren schuldenfrei. Die anderen 50 Prozent umkreisen uns wie der Hund die Wurst und sind sich nicht ganz sicher, ob die Wurst nicht doch giftig ist. Die werden oft nach Jahren erst zu richtigen Klienten, mit denen wir dann arbeiten können. Auch die Fähigkeit, eine Schuldenregulierung anzugehen, ist ein Zeichen der Reife, die zum Zeitpunkt des Schuldenmachens noch nicht da gewesen ist. Manche Menschen brauchen zehn Jahre, bis sie diese Reife haben. Manche brauchen 20 Jahre. Und manche werden es nie schaffen.