"Den richtigen Zeitpunkt gibt's nicht"

Anlage. Die Investoren sind noch sehr vorsichtig und warten oft lieber ab.

Wien. Es ist ein bisschen wie beim schnellen Autofahren: Wer die Kurven gut hinkriegt und rasch vorwärts kommt, bleibt oft weiter am Gas, flitzt mit und aus Freude von A nach B und wieder zurück. Genauso macht weiter, wer schöne Renditen mit einer bisschen komplizierten Geldanlage erwirtschaftet. Über-mutig werden neue Produkte, neue Aktien und neue Tipps ausprobiert. Oft so lange, bis es zu einem Unfall kommt.

Erst dann wird einem wieder bewusst, was Risiko heißt. So meiden viele Anleger, die sich im Börsencrash nach dem Jahr 2000 die Finger verbrannt haben, riskante Geldanlagen so weit es geht. Am liebsten würden sie ihr Geld unterm Bett lagern. Und verkennen, dass es dort und auf Sparbüchern ein Inflationsrisiko gibt, dass die Teuerung den Wert des Ersparten schleichend vernichtet.

Derzeit, so berichten Finanzexperten, sind die Anleger ziemlich vorsichtig. Das Vertrauen und der Mut steigen zwar, aber ohne große Euphorie. Ganz im Gegenteil zum Jahr 2000, als selbst kleine Anleger ohne mit der Wimper zu zucken große Risken eingingen.

"Wir haben alle unsere Lektion gelernt", sagt Berndt May, Vorsitzender der Vereinigung Ausländischer Investmentgesellschaften in Österreich und Chef von J.P. Morgan Asset Management in Wien.

Diese Lektion hat sich bei vielen Anlegern so tief eingebrannt, dass das Pendel derzeit immer noch eher in Richtung Verlustvermeidung ausschlägt. Garantieprodukte boomen. Inzwischen gibt es in Österreich bereits 43 Garantiefonds, in denen 3,6 Mrd. Euro investiert sind. Über den Markt der mit Garantien versehenen Investmentzertifikate gibt es keinen Überblick. Im gesamten Fondsmarkt, der in Österreich zuletzt 155 Mrd. Euro ausmachte, haben die Garantieprodukte noch einen kleinen Anteil. Doch er steigt rasant.

Für die Banken sind Garantiefonds ein gutes Geschäft. Anders als normale Fonds haben Garantiefonds immer eine bestimmte Laufzeit, dann wird das Geld wieder frei. Der Vorteil für die Banken: Sie können dann einen neuen Fonds verkaufen und erneut Ausgabeaufschläge kassieren.

Zudem sind Garantiefonds teuer und wenig rentabel, wie eine Studie des Analysehauses e-fundresearch.com zeigt. Im Schnitt kostet die Garantie zwischen 0,4 und einem Prozent an Wertsteigerung pro Jahr. Zudem weisen die Garantiefonds, die ja meist eine Kombination aus Anleihen- und Aktienfonds sind, bislang eine magere Wertentwicklung aus, die ein guter Anleihenfonds locker übertrifft.

In den vergangenen fünf Jahren kamen jene 13 Fonds, die es schon so lange gibt, bloß auf zwei Prozent Plus pro Jahr. In den vergangenen zwölf Monaten legten die Fonds um 4,4 Prozent zu, was angesichts von 15,8 Prozent Kursplus im MSCI World Index immer noch wenig ist, schreiben die Analysten von e-fundresearch.

Auch Roger Yates, Chef der britischen Fondsgesellschaft Henderson Global Investors, kommt im Gespräch mit der "Presse" zu einem ähnlichen Schluss. "Die Einbußen durch die Kapitalgarantie über die typische Laufzeit von sieben Jahren können sehr signifikant sein und bis zu 45 Prozent der Wertsteigerung ausmachen", sagt Yates. Wer auf lange Sicht vorsorgen will und etwa sein Geld für 30 Jahre anlegt, bringt sich dadurch um ein Drittel des möglichen Zugewinns.

Dennoch will Yates seine Aussagen nicht als Kritik an den Garantiefonds gewertet sehen: "Diese können die besseren Produkte für die Anleger sein, weil sie sich auf diese Weise wohler fühlen."

Im Prinzip liegt es am Berater, die individuellen Bedürfnisse des Anlegers herauszufinden. "Wer Geld investiert, sollte, wenn er nicht Produktexperte ist, mindestens zweimal pro Jahr einen Termin bei seinem Berater haben. Also genau so oft wie beim Zahnarzt", sagt May.

Risiko zu erkennen, ist der erste Schritt. Der zweite ist, das Risiko zu beeinflussen: Indem man sein Portfolio diversifiziert und nicht alles auf eine Karte setzt. Indem man nicht in Panik ausbricht, wenn es einmal bergab geht. Am erfolgreichsten sind Anleger, die sich nicht von den turbulenten Auf- und Abwärtsbewegungen der Börsen irritieren lassen, glaubt auch Yates: "Wer versucht den richtigen Zeitpunkt zu finden, investiert meist zur falschen Zeit." Daraus zieht er seine Lehren und lässt irgendwann die Finger ganz von jeder Form von Geldanlage.

Dabei ist es eigentlich logisch: Wer überhaupt kein Risiko eingehen mag, kommt nicht wirklich vom Fleck. Eben so wie jemand, der in ein Auto einsteigt, aber sich nicht traut, es überhaupt zu starten. Eben so wie jemand, der nur mit Schwimmflügeln ins Wasser geht, weil er sich fürchtet, sonst ganz unter zu gehen. Angst vor zu viel Verlusten ist - wie auch Übermut - kein guter Begleiter.

Kühle Rechner lassen sich meistens weder von der einen noch der anderen Emotion treiben. Sie investieren Geld nach strengen Regeln, wissen genau, was sie kaufen und was für potenzielle Gefahren es gibt. So wie umsichtige Autofahrer, die je nach Fahrsituation bremsen und dann wieder Gas geben.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.