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Rio+20: WWF zerreißt Deklarationstext in der Luft

Rio20 zerreisst Deklarationstext Luft
(c) REUTERS (UESLEI MARCELINO)

Der Deklarationsentwurf für den am Mittwoch beginnenden Gipfel sei ein "totaler Misserfolg", sagt der WWF. Auch vielen Ländern ist er zu unambitioniert.

Die nach zähem Ringen formulierte Abschlussdeklaration für den UN-Gipfel "Rio+20" wird von Kritikern förmlich in der Luft zerrissen. Der Text sei "ein totaler Misserfolg. Die Verhandlungsführer sollten sich schämen, so etwas zur Zukunft des Planeten vorzulegen", ärgerte sich am Dienstag WWF-Sprecher Franko Petri nach einer inhaltlichen Analyse des 56 Seiten langen Papiers in Rio.

Sollte der derzeitige Entwurf abgesegnet werden, verkomme der Erdgipfel zur Lächerlichkeit, hieß es in einer Aussendung. "In den gestrigen Verhandlungen wurden schwache Formulierungen durch zahnlose ersetzt", so Petri. Der vorliegende Textentwurf verpflichte die Staaten "zu nichts. Er ist das Papier nicht wert, auf dem er steht. Zwei Jahre Verhandlungen und eine lange gestrige Nacht haben die Welt enttäuscht." Es sehe danach aus, als würde "weitere wertvolle Zeit verspielt, wenn die Staatschefs nicht in den nächsten drei Tagen ambitionierte Ziele und klare Zeitpläne vorlegen".

Deklaration "Die Zukunft, die wir wollen"

In Rio de Janeiro zeichnen sich somit schon vor der Eröffnung des UN-Gipfels für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz deutliche Grenzen und Konflikte ab. Nach monatelangen Verhandlungen rangen die Delegationen der 193 UN-Mitgliedsländer bis kurz vor Gipfelbeginn am Mittwoch um den Entwurf der Deklaration "Die Zukunft, die wir wollen". Brasiliens Außenminister Antonio Patriota erklärte die Arbeiten an dem Text nach einer nächtlichen Marathon-Sitzung am Dienstag für beendet, doch neben Umweltverbände ist der Entwurf auch vielen Ländern  viel zu unambitioniert.

Die Fronten sind bekannt. Die Entwicklungsländer pochen für kostspielige Projekte zur nachhaltigen Entwicklung auf neue Ressourcen. Die von der Finanz- und Bankenkrise gebeutelten Industrieländer wehren sich dagegen mit Händen und Füßen gegen neue Töpfe. Umweltverbände verhehlen ihre Enttäuschung nicht und warnen vor einem Scheitern.

Erdbevölkerung lebt über die Verhältnisse

Die Anliegen des Gipfels in Rio sind dabei dringlicher denn je. Seit Jahrzehnten lebt die Welt über ihre Verhältnisse. Die Menschheit verbraucht die natürlichen Ressourcen 1,3 mal schneller als die Erde sie wieder regenerieren kann. Und das, obwohl rund 800 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, etwa eine Milliarde Menschen Hunger leiden und jeder Fünfte keinen Zugang zu Elektrizität hat. Und die Erdbevölkerung soll bis 2050 von derzeit sieben auf neun Milliarden Einwohner wachsen.

Wichtige Player bleiben dem Gipfel in der Stadt am Zuckerhut fern. US-Präsident Barack Obama kommt nicht, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auch nicht, ebenso wenig der britischer Premier David Cameron und auch Russlands Präsident Wladimir Putin will durch Abwesenheit glänzen.

"Unglaublich schwache Verhandlungen"

Umweltverbände und andere Nichtregierungsorganisationen sind sichtlich ernüchtert. "Wir erleben in Rio unglaublich schwache Verhandlungen, die nicht zu den Ergebnissen führen, um Menschen aus der Armut zu bringen und die Schädigung der Umwelt zu stoppen. Rio+20 schafft ein schwarzes Loch von geringen Ansprüchen mit wenig Substanz", lautete etwa die vernichtende Zwischenbilanz von Kit Vaughan von der Hilfsorganisation CARE.

Gipfel-Gastgeber Brasilien ist weniger pessimistisch. In seiner Funktion als Konferenzpräsidentschaft bemüht sich das Land fieberhaft um Kompromisse bei der auf 56 Seiten geschrumpften Deklaration. Es werde in "sehr wichtigen" Bereichen Fortschritte geben, beteuerte Brasiliens Koordinator Luiz Alberto Figueiredo Machado. Es bleibt aber den über 100 Staats- und Regierungschefs selbst überlassen, diese Fortschritte auf den Weg zu bringen. Gewissheit gibt es erst am letzten Gipfeltag am Freitag.

Paralleler "Gipfel der Völker"

Verlauf und Ergebnisse des Gipfels werden von den Kritikern genau beobachtet. Parallel zur offiziellen Konferenz läuft in Rio der "Gipfel der Völker", zu dem bis zu 30.000 Teilnehmer erwartet werden, darunter Umweltschützer, Globalisierungsgegner und Vertreter von Zivilgesellschaften. Sie lehnen das vorgelegte Konzept der "Grünen Ökonomie" ab und sehen darin vor allem den Versuch, die Natur zu kommerzialisieren.

(APA)