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Kulturgeschichte: Siebentausend Jahre Milch

(c) REUTERS (JOE PENNEY)

Lange bevor sie sesshaft wurden, betrieben Menschen in der Sahara schon Milchwirtschaft. Das belegen Fettspuren auf Scherben.

Kühe mit prallen Eutern, Menschen beim Melken: Prähistorische Felszeichnungen aus der Sahara zeigen Motive, die eindeutig für Milchwirtschaft sprechen. Doch solche Zeichnungen sind schwer zu datieren. Sie lassen es offen, seit wann die Menschen in Afrika anderen Säugetieren ihre Milch entwenden und trinken.

Beziehungsweise seit wann sie deren Verarbeitungsprodukte essen. Die Gewinnung von Käse muss älter sein als das Trinken von Milch. Für diese These braucht man keine archäologischen Befunde, nur ein bisschen Wissen über Gene und deren Geschichte. Denn was wir als Laktoseunverträglichkeit kennen, war bei unseren Vorfahren wie bei allen Säugetieren der Normalfall: Das Enzym Laktase, das zum Abbau von Milchzucker (Laktose) dient, wird nur in der Kindheit produziert, solange der kleine Mensch die Milch seiner Mutter trinkt. Später ist die Laktase nicht mehr nötig, das Laktase-Gen wird nicht mehr exprimiert. Dass es bei den meisten Europäern noch im erwachsenen Alter aktiv ist, ist ein Beispiel für einen Evolutionsschritt, der (auch) von der Kultur gesteuert wurde.

 

Eine Mutation mit Vorteilen

Es kam (und kommt) immer wieder zu zufälligen Mutationen – auch im Laktase-Gen, diesfalls in einem DNA-Abschnitt, der das Abschalten dieses Gens steuert. Fällt er aus, dann produziert der Mensch das ganze Leben Laktase. Eine solche Mutation kann sehr günstig sein: in argen Hungersnöten. Dann kann die Milch von Kühen, Ziegen, Schafen einem das Leben retten. Aber nur, wenn man sie verträgt. Ein anderes Szenario ist, dass die Fähigkeit, über die übliche Stillzeit hinaus Milch zu trinken, die Kindersterblichkeit verringerte. Jedenfalls breitete sich diese Mutation aus, heute haben sie die meisten Menschen in Europa und im Nahen Osten.

Nicht z.B. in China. Dort vertragen die meisten keine Laktose, Milchtrinken ist unüblich, ja ekelhaft; das „Glas Milch zur Stärkung unseres Volkes“, das der chinesische Konsumentenverband 1999 propagierte, setzte sich aus biochemischen Gründen nicht durch. Dieser genetische Unterschied beruht auf der unterschiedlichen Kulturgeschichte: Im Nahen Osten begannen die Menschen vor circa 8000 Jahren, Rinder zu züchten und zu melken. Zunächst aber hauptsächlich, um Käse zu gewinnen, der viel weniger Milchzucker enthält als Milch. Klar, am Anfang vertrugen auch in viehzüchtenden Gesellschaften die Menschen keine Laktose. Auch Ötzi, der vor 5000 Jahren lebte, hatte übrigens noch das ursprüngliche Gen.

 

Fettreste auf den Gefäßen

Für Milchverarbeitung sprechen chemische Analysen von Tonscherben, die einst Gefäße waren, an denen noch Fettreste kleben. Aus dem Mengenverhältnis der Fettsäuren – Tiere haben mehr gesättigte als Pflanzen – und Isotopenanalyse – Milch enthält mehr 13C als Fleisch – lässt sich die Herkunft bestimmen. So wurde 2003 nachgewiesen, dass in England schon vor 6000 Jahren Milch verarbeitet wurde; 2008 wurden auf Scherben aus Anatolien 8000 Jahre alte Fettspuren identifiziert.

Nun berichtet dieselbe Forschergruppe der University of Bristol in Nature (486, S.390), dass auch in der Sahara die Milchwirtschaft alt ist: immerhin 7000 Jahre. Wieder dienen Spuren auf schlecht erhaltenem Geschirr (gefunden in Fessan, Libyen) als Zeugen; und sie sprechen dafür, dass die Milch zu Käse verarbeitet wurde.

Schon für den Nahen Osten gilt es als wahrscheinlich, dass die Viehzucht dem Ackerbau vorausging. Doch in der Sahara war vor 7000 Jahren von neolithischer Revolution noch lange keine Rede. Die Menschen dort haben offenbar mit der Milchwirtschaft begonnen, lange bevor sie sesshaft wurden. Sie zogen als Nomaden mit ihren Herden durch die Sahara, die damals noch grün war.

Für frühe Entstehung der Viehzucht in Afrika spricht auch ein genetischer Befund. Die Mutationen, die bewirken, dass man als Erwachsener Laktose verträgt, sind nicht überall dieselben: Während in Europa eine Mutation vorherrscht (was für gemeinsame Abstammung von Ur-Hörndlbauern spricht), kommen in Afrika mehrere Mutationen vor. Offenbar hat sich die Laktose-Toleranz mehrmals durchgesetzt. Sogar von den Hazda in Tansania produzieren 50 Prozent Laktase, obwohl sie als Jäger und Sammler leben. Das spricht dafür, dass ihre Ahnen Viehzucht betrieben, aber irgendwann wieder aufgegeben haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)