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Rache für den beleidigten Gott

(c) AP (Carolyn Kaster)

Blasphemie soll wieder „gefährlich“ werden, fordert Büchnerpreisträger Martin Mosebach, das würde auch der Kunst guttun. Aber soll nun das Gesetz religiöse Gefühle schützen – oder einen „anwesenden“ Gott?

"Vom Wert des Verbietens“ nannte sich ein am 18. Juni in der „Berliner Zeitung“ erschienener Essay. Der deutsche Schriftsteller, Büchnerpreisträger und überzeugte Katholik Martin Mosebach empfiehlt darin, Blasphemie wieder stärker strafrechtlich zu verfolgen. Und bekennt so nebenbei, er sei unfähig, sich „zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern einen gewaltigen Schrecken einjagen“. Blasphemie solle wieder gefährlich werden, meint er. Das würde „das soziale Klima fördern“, aber auch die Kunst, denn Freiheitsbeschränkungen seien seit jeher „der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen“.

Wie „gefährlich“ er sich die Blasphemie genau wünscht, präzisiert Mosebach nicht. Nur so wie in Polen, wo die Popsängerin Doda zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie behauptete, die Jünger hätten „sich mit Wein besoffen und irgendwelche Kräuter geraucht“? Oder so gefährlich wie für den Musiker Shahin Najafi? Der in Deutschland lebende 31-jährige Iraner zog wegen angeblicher Lästerung eines schiitischen Imams im Mai zwei Todes-Fatwas auf sich, nun hält er sich im Rheinland versteckt. 100.000 Dollar Kopfgeld sind auf ihn ausgesetzt, im Juni haben 40 Autoren eines religiösen iranischen Verlages Lizenzgebühren für ihre Bücher jenem Menschen versprochen, dem es gelingt, Najafi zu töten. Dem hat das sicher „einen gewaltigen Schrecken“ eingejagt.

Mosebachs Text erinnert an die Künstler, die bis tief in den Ersten Weltkrieg hinein von ihren Schreibtischen aus das angeblich so geistfördernde Schlachten begrüßten. Oder an Botho Strauß, der im Zuge des Streits um die Mohammed-Karikaturen den Zusammenstoß mit dem vitalen Islam als Abschied von einer „schwachen Zeit“ begrüßte. Bemerkenswert ist aber auch, dass Mosebach nicht von religiösen Kränkungen einzelner Gläubiger oder religiöser Gruppen spricht, sondern von „Blasphemie“: einem Ausdruck, der aus dem westlichen Sprachgebrauch fast völlig verschwunden ist.

 

Blasphemie der Zunge oder des Herzens?

Kein Wunder, geht es dabei doch um die Schmähung nicht von Menschen, sondern von Gott, also nicht subjektive Gefühle, sondern ein objektives Delikt. Mosebach verrät aber nicht, was man darunter verstehen soll. Das ist typisch für die Blasphemie. Dass sich ihre Bedeutung ständig wandelte, auch wenn die Kirche sie lange als schwerste aller Sünden betrachtete und zeitweise mit der Todesstrafe ahndete, hat der französische Historiker Alain Cabantous in seiner „Geschichte der Blasphemie“ gezeigt. Für Thomas von Aquin etwa, der eine Blasphemie der Zunge und eine des Herzens unterschied, bestand diese Sünde ganz allgemein darin, das zu verneinen, was Gottes sei, oder Gott etwas zuzuschreiben, was ihm nicht gebühre. Dazu konnte die Infragestellung Gottes ebenso gehören wie die Kritik an den Sakramenten und Kirchengesetzen oder der Missbrauch des Namen Gottes in der Alltagssprache, der auch Königen verboten war. Deswegen ersetzte Heinrich IV. sein „gottverflucht“ irgendwann durch „Verflucht sei Coton“ (sein Beichtvater).

Was auch immer man darunter verstand, verfolgt wurde die Blasphemie jedenfalls, von König und Kirche. Erst die Aufklärung brachte den Bruch im strafrechtlichen Umgang mit der „Blasphemie“ – und die geistigen Voraussetzungen für die heutige Praxis. Montesquieu ereiferte sich über die anmaßende Vorstellung, Gerichte könnten als Instrument göttlicher Gerechtigkeit dienen – wer kenne schon die Gedanken Gottes? „Man soll nur darauf hinwirken, dass die Gottheit geehrt werde, aber niemals sie rächen wollen. Wahrlich, wie sollten die Strafen ein Ende nehmen, wenn man nach diesem Gedanken verfahren wollte!“ Andere verwiesen auf die Kulturbezogenheit des Blasphemiebegriffs, etwa Voltaire: „Was in Rom oder Loreto als Blasphemie gilt, wird in London, Amsterdam, Berlin oder Kopenhagen als Frömmigkeit betrachtet.“ Der französische Philosoph Pierre Bayle hatte die Blasphemie ein Jahrhundert früher noch radikaler relativiert: „Wir klagen jemanden an, der unerträgliche Gotteslästerungen ausstößt? Doch was bleibt davon übrig, wenn man diese Worte wohlüberlegt und leidenschaftslos prüft? Jener Mensch denkt eben anders als wir, die wir respektvoll über Gott reden.“

Am Ende blieb vom strafrechtlichen Delikt nur die Störung der öffentlichen Ordnung, die Gefahr für die Gesellschaft übrig. Das österreichische Strafgesetzbuch etwa kennt den Begriff der Gotteslästerung schon lange nicht mehr, es ahndet nur die Erregung von „berechtigtem“ öffentlichen „Ärgernis“.

Im Islam kommt das Vergehen der Gotteslästerung weder im Koran noch in den Hadithen vor, erst spätere Rechtsgelehrte haben dieses Delikt geschaffen und in die Sharia integriert. Die Strafen waren je nach Rechtsschule unterschiedlich, von der Todesstrafe bis zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. Der Islam unterscheide zwischen der Beleidigung Gottes, des Propheten und der göttlichen Offenbarung, erklärt Burkhard Josef Berkmann, Autor des Buchs „Von der Blasphemie zur ,hate speech‘?“: „Dabei wird die Beleidigung Mohammeds sogar für schlimmer gehalten als die Schmähung Gottes. Der Grund ist, dass der Prophet nicht mehr vergeben kann.“ Im Islam ist das Blasphemieverbot übrigens nicht ganz einseitig: „In einem gewissen Umfang ist es auch Muslimen verboten, andere Religionen zu schmähen“, sagt Berkmann.

 

„Widerwilliger Respekt“ für Künstler

Während aber die christlichen Kirchen lange Zeit hatten, um sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass Gläubige ihren beleidigten Gott rächen müssten, ist diese Ansicht unter Muslimen noch verbreitet. Das führt paradoxerweise dazu, dass der Gesetzesparagraph gerade jenen am meisten zugute kommt, die ihm einen ganz anderen Sinn geben. Denn ein Strafrecht, das die Vermeidung öffentlichen Ärgernisses zum obersten Kriterium erhebt, begünstigt den, der sich am lautesten für verärgert erklärt.

Zwischen dem Konzept des Schutzes religiöser Gefühle und der Rache für eine Schmähung Gottes liegen Welten. Die müssen nun innerhalb weniger Jahre überbrückt werden – und zwar nicht nur auf nationaler Ebene. „Es reicht nicht, dass einzelne Staaten Regeln für die Massenkommunikation aufstellen, es würde weltweit einheitlicher Standards bedürfen“, meint Berkmann.

Mosebach würde es offenbar gefallen, wenn es am Ende wieder um mehr als Gefühle und Menschenwürde gehen würde: um „echte“ Blasphemie, das Vergehen gegen einen „anwesenden“ Gott. Künstlern, die bereit seien, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, „werden ernsthafte Gläubige einen vielleicht widerwilligen Respekt nicht versagen“.

Auf einen Blick

Im Lauf der Neuzeit hat sich der Blasphemiebegriff in Europa immer mehr auf die bewusste antireligiöse, antiklerikale Haltung verlagert. Die Reaktionsweise auf Blasphemievorwürfe reduzierte sich dementsprechend von der Androhung der Todesstrafe auf die Klage über unangemessenes bürgerliches Verhalten und Respektlosigkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)