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Vierradgetrieben: In Jeeps über Schotter und Sand

(c) Clemens Fabry
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Die Sandstrände gehören der Sun-&-Beach-Fraktion, die Schotterpisten und Schluchten der Insel aber der 4WD-Fraktion.

„Seid ihr verrückt? Jeep-Safari auf Kreta? So was gibts doch nur in Afrika“, wenden die Freunde ein. Doch wir machen uns auf die Suche nach Griechen, die aus Kreta stammen. „Nein, nie davon gehört? Seit wann haben wir Elefanten auf Kreta?“ So die Antworten der Locals. Im Web treiben wir schließlich doch ein paar Leute auf, die an einer solchen Safari teilgenommen haben. Es sei „Abenteuer pur“, eine verdammt „supergeile“, rasante und staubige Angelegenheit, die man auf jeden Fall machen müsse, schwärmen sie. Na, dann ab nach Heraklion.

„Wer möchte fahren?“, schreit Vincent, unser holländischer Tourguide, in die Menge. Drei Fahrer braucht er für die vier Jeeps. Fast alle wollen. Man könne sich unterwegs auch abwechseln, fügt er noch hinzu. Nach einer kurzen technischen Unterweisung über die Bedienung des Allradantriebs geht es in der Nähe von Heraklion dann endlich los. Im Konvoi. Allen voran Vincent. Über kleine Gebirgswege führt er uns in schwer zugängliche Gegenden im Osten Kretas. Da ist selbst auf der besten Karte keine Straße mehr eingezeichnet.

 

Haarnadelkurven, Schlaglöcher

Die Pisten sind schmal. Autofahren auf Kreta kann Nerven kosten. Vor allem auf den Gebirgsstrecken mit unübersichtlichen Haarnadelkurven, schlechten Straßenbelägen, Schlaglöchern und Rissen. Für Vincent jedoch kein Problem. Allrad rein und los! Und dann treffen wir sie, die „Small Two“: Ziegen! Waaahnsinn! Begeisterung pur. Schließlich sehen wir so was nicht alle Tage. Und sie blockieren auch noch den Weg. Notgedrungen halten wir an. Und dann kommt ER! Der König der Könige auf Kreta: ein Maulesel. Er bleibt kurz stehen, schaut uns an, sagt „I-AAA“ und überquert die Straße. Kopfschüttelnd, möchte man fast meinen, angesichts des Anblicks, der sich ihm bietet.

Immerhin, das Huftier verschafft uns eine Verschnaufpause. Das tut gut, denn Vincent hält trotz seines mittlerweile vierjährigen Aufenthalts auf Kreta nichts vom griechischen Lebensmotto „siga siga“ – nur schön langsam voran, immer mit der Ruhe.

Einzelne streunende Ziegen, in Ortschaften patrouillierende Hunde und Hühner erfordern höchste Vorsicht beim Vorbeifahren, denn ihr Vieh ist den Kretern heilig. Eine gewisse fahrerische Kunstfertigkeit und Unerschrockenheit sind daher von Nutzen. Mit 40 bis 50 Stundenkilometern brettern wir über Staubpisten und Schotterstraßen hoch hinauf auf die Berge.

Fotografieren und filmen erfordert höchste Risikobereitschaft. Spektakuläre Ausblicke auf das Meer und die Fahrt durch die karge Berglandschaft mögen durchaus ihren Reiz haben – wenn man das alles denn in Ruhe betrachten könnte. Wir kommen in Gegenden, in denen kaum noch Menschen zu finden sind. Nur ausgestorbene Dörfer, weil sich die Nachkommen mehr auf den küstennahen und einträglicheren Tourismus konzentrieren und dafür Landbau und Viehzucht aufgeben haben.

 

Das kretische Dorf schlechthin

Nach zwei Stunden Fahrt haben wir die Orientierung verloren. Nicht jedoch Vincent. „Wo befinden wir uns?“, fragen wir. „Auf 1500 Meter Höhe, aber jetzt geht's auf 300 runter, zu einem der schönsten Dörfer Kretas“, sagt Vincent. 300 Meter über der Bucht von Agios Nikolaos erreichen wir Kritsa. Es gilt als das kretische Bergdorf schlechthin. Ein kurzer Halt außerhalb des Dorfes ist angesagt. „Ist das nicht krass?“, fragt Vincent. Was denn? Kritsa sehe wie ein Skorpion aus, könne man denn das nicht sehen? Es bedarf hoher Konzentration und einiger Vorstellungskraft, ihm zuzustimmen.

Aber Vincent hat's eilig. Wieder hoch zu den kahlen Bergen, durch unübersichtliche Kurven, über plötzliche Steigungen und starkes Gefälle. Uns da hinten wird's so allmählich langweilig. Sieht ja alles gleich aus. Auf 1200 Meter Höhe wird die Langeweile von Vincents Handy verscheucht! Der letzte Jeep des Konvois war zu schnell, kam ins Schleudern und parkte im Graben. Als wir zur Hilfe eilen, hat jeder denselben Gedanken: Auf der linken Seite ist die Schlucht. Was, wenn der Wagen nicht nach rechts vom Weg abgekommen wäre, sondern nach links? Nur nicht daran denken. Nach einigem Ruckeln, Schieben und Ziehen ist der Jeep aus dem Graben. Meine Bitte, langsamer zu fahren, stößt auf taube Ohren – der Kitzel sei doch gerade das „Supergeile“ an einer Jeep-Safari.

Kreta – die Insel steht für Sonne, Strand und Faulenzen. Doch zunehmend erobern sich andere Urlaubsformen ihre Nischen. Es gibt noch viel unentdecktes Land, das zwar am besten unentdeckt bliebe, aber der Tourismus greift um sich. Nach fast sieben Stunden erreichen wir die schmalste Stelle Kretas, die Ebene von Ierapetra, und somit auch die gleichnamige Stadt, unseren Zielort. Der Besuch einer Taverne und der Genuss von kretischem Raki sind jetzt Pflicht. An den Gläsern bleibt etwas Bräunliches hängen: Sogar unser sonst so freches Mundwerk ist von der Jeep-Safari noch voller Staub.

4WD-Konvois auf Kreta

Tipp: Es ist nicht ratsam und auch nicht erlaubt, eine Jeep-Safari auf eigene Faust zu unternehmen. Außerhalb der in der Straßenkarte verzeichneten Wege erlischt der Versicherungsschutz. Aber mittlerweile gibt es mehrere spezialisierte Unternehmen auf Kreta, die Jeep-Safaris anbieten. Die Preise liegen ab 60 Euro pro Person für eine Ganztagestour inklusive Picknick oder Tavernenbesuch. www.zorbas.nl
www.ferien-auf-kreta-griechenland.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)