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Gründergeist in Zeiten der Dauerkrise

(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
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Auf die Idee, sich im krisengeplagten Griechenland selbstständig zu machen, kommen dieser Tage nicht viele. Das Wiener Netzwerk „Starteurope“ hilft jungen Griechen genau dabei. Ein Ausweg aus der Misere?

Athen/Wien/C.g./Weber. Wegen der großen Unsicherheit darüber, ob in Kürze vielleicht bald wieder in Drachmen bezahlt wird, ist das wirtschaftliche Leben in Griechenland fast zum Erliegen gekommen. Kaum jemand bezahlt noch Rechnungen, Unternehmen investieren nicht mehr, und die Bürger räumen ihre Konten leer. Man zählt das fünfte Jahr der Rezession. In diesem Umfeld ein Unternehmen zu gründen dürfte nicht für viele eine Option darstellen.

Eine Handvoll junger Wiener ist der Überzeugung, dass genau dies der Weg aus der Misere ist – gerade in einer Gesellschaft, in der es kaum noch Arbeit für einen ausreichenden Lohn gibt. Unter dem Namen „Startup Live“ organisieren die ehemaligen TU- und WU-Studenten mit ihrem Unternehmen „Starteurope“ mittlerweile Gründerworkshops in ganz Europa, auch in krisengeplagten Ländern wie Griechenland und Spanien.

„Man muss die Leute dort einfach motivieren, was Eigenes zu machen, und ihnen verdeutlichen, dass die Lösung wahrscheinlich nicht von außen kommt“, sagt der Mitinitiator Moritz Plassnig. „Natürlich ist die Selbstständigkeit nicht für jeden das Richtige. Es ist aber ein Schritt in die richtige Richtung und soll auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man sich selbst helfen kann.“

Vor Kurzem fand das zweite „Startup-Live“-Event in Athen statt, bei dem jungen Griechen vor allem bei der Geburt ihrer Geschäftsidee geholfen wurde. Ziel dieser Veranstaltungen ist auch, das „tägliche Brot“ der Jungunternehmer zu vermitteln: die Vernetzung mit Investoren, Experten und potenziellen Kunden.

 

Innovation wird nicht belohnt

Theofilos Vasileiadis, Mentor und Mitglied der Jury, gab den Teilnehmern den Ratschlag, ihren Ideen eine Chance zu geben – etwas anderes bliebe ihnen zurzeit nicht übrig. Vasileidis selbst hat es schon vor Jahren geschafft. Er gründete die Jobplattform kariera.gr und hatte Erfolg damit. Keine Selbstverständlichkeit, meint er: „In Griechenland herrscht ein unternehmensfeindliches, innovationshemmendes Klima. Man sollte sich nicht durch die hohe Zahl der Selbstständigen täuschen lassen. 80 Prozent der Neugründungen sind Bars und Cafés, neue Ideen gibt es kaum.“

Der Mangel an Innovationen ist kein Zufall: Das Ausbildungssystem in Griechenland ist stark verschult, höchste Tugend ist der Fleiß, das Herunterbeten vorgekauter Lektüre. Erfindergeist wird kaum belohnt. „Über Jahrzehnte hinweg studierten hier die jungen Leute mit dem Ziel, im sicheren Staatsdienst unterzukommen“, sagt Vasileiadis. Das fällt nun weg, der öffentliche Sektor hat keine Stellen mehr zu vergeben, und die Umstellung fällt schwer.

Die Krise sieht Vasileiadis daher auch als Chance, von eingefahrenen Denkmustern loszukommen und Neues zu entwickeln. Bisher allerdings, in der schwierigen Übergangsphase, zeichne sich noch nicht viel Innovatives ab. Noch seien die Jungen wie gelähmt von der neuen Unsicherheit

 

Geschäftsidee: Integration

Dass es auch anders geht, zeigen die Ideen der drei Preisträger der zweiten Athener „Startup Live“. Das Siegerkonzept mit dem Namen „IncludAbility“, also „Integrationsfähigkeit“, nutzt eine der großen Schwachstellen der ruppigen Athener Realität: Es gibt keinen Platz für Außenseiter, für Behinderte, Alte, Mütter. Für sie wird der Alltag zum Spießrutenlauf. Gehsteige sind mit Bäumen zugepflanzt, mit Mülltonnen, Mopeds und Kellerabgängen verbarrikadiert, man ist daher gezwungen, sich auf die Straße zu wagen, wo man sein Leben im Autoverkehr riskiert. Oft bleibt nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben.

Zehn bis zwölf Prozent der griechischen Bevölkerung, das ist über eine Million Menschen, sind behindert, weitere 25–40 Prozent sind in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt, etwa alte Menschen, Kinder und Mütter – ein riesiger Markt, so die Überlegung. IncludAbility will Unternehmen, die willig sind, Behinderte als Angestellte und Kunden zu integrieren, maßgeschneiderte Dienstleistungen bieten. Dazu können behindertengerechte Personaleinschulung oder die Umgestaltung der Räumlichkeiten gehören. Lohn ist das Vertrauen – und die Kaufkraft einer neuen Kundenschicht.

Den zweiten Preis gewann das Geschäftsmodell „Rising Star: We are the Forest“, das ein anderes großes Problem der neugriechischen Wirklichkeit bekämpfen hilft: die Waldbrände, die in den vergangenen Jahren ganze Landstriche Griechenlands in Steppen verwandelt haben.

 

Pellets statt Waldbränden

Mitglieder einer freiwilligen Feuerwehr im dicht bewaldeten Mainalo-Gebirge in Arkadien mussten feststellen, dass viele Feuer durch eine Schwachstelle in der vorbeugenden Feuerbekämpfung verursacht wird: Eine systematische Forstwirtschaft wie etwa in Österreich gibt es in Griechenland nicht einmal in Ansätzen. Das hat zur Folge, dass die Wälder nicht von Unterholz und gefallenen Bäumen gesäubert werden – Biomasse, die in den heißen griechischen Sommern wie Zündhölzer Feuer fängt.

Die Feuerwehrleute gründeten „We Protect the Forest“ und wollen das Problem mit einer Pelletsproduktion für den lokalen Markt bekämpfen. Die Biomasse wird lokal gesammelt, in der Pelletsproduktion verwertet und im Anschluss wieder an die Bevölkerung der Gegend verkauft. Ein Modell mit Erfolgsaussichten, obwohl die Holzschnitzel in Griechenland bereits boomen: Langfristig steigen die Preise für herkömmliche Energien in jedem Fall. Durch die Beschränkung auf den lokalen Markt fallen die Transportkosten weg, was die Produkte günstiger und damit konkurrenzfähig macht.

Den dritten Preis gewann „Women on Top“, das ein Mentorennetzwerk für Frauen aufbauen will. Berufserfahrene Frauen sollen Neueinsteigerinnen helfen, sich in der griechischen Macho-Welt zu behaupten, in der Frauen immer noch nichts zu sagen haben sollen. Um sich aus der Krise zu befreien, wird Griechenland jedenfalls alle produktiven Kräfte brauchen.

Das Gleiche gilt für Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit jenseits der 50 Prozent liegt. Ende des Monats findet in Alicante der nächste Gründerworkshop statt.

Auf einen Blick

Das Unternehmen „Starteurope“ veranstaltet Gründerworkshops in ganz Europa, kürzlich auch in Athen. Der Weg in die Selbstständigkeit kann jungen Griechen dabei helfen, „ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen“, so die Wiener Initiatoren. Ausgezeichnet wurden in Athen Ideen zur Integration von Behinderten und der Bekämpfung von Waldbränden – beides mit unternehmerischem Hintergrund.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)