Wir brauchen keinen Fiskalpakt für die Parkraumbewirtschaftung

Wie weit darf man die Toleranz beim Verkehr treiben? Ein echter Liberaler duldet keine Vorschriften, wenn es darum geht, wo er sein Auto hinstellen will.

Ich gebe es offen zu: In einem Moment der Schwäche habe ich im Mai dem Drängen der Trafikantin, bei der ich alle zwei Jahre saisonbedingt eine absurde Menge an Panini-Pickerln kaufe, nachgegeben und auf einer Liste unterschrieben, die gegen das Parkpickerl für Meidling ist.

Bis dahin war mir nicht bekannt, dass es den landesweiten Wunsch gibt, ausgerechnet in Meidling seinen Wagen hinzustellen. Das knallgelbe alte Lamborghini-Cabrio schläft die meiste Zeit in der Garage und wird nur ausnahmsweise Gassi geführt, wenn ich lebensnotwendige Mittel wie andalusische Biohimbeeren aus der Shopping City Süd über den Grünen Berg chauffieren muss. Aber vielleicht bin ich einfach zurückhaltend. Die meisten Wiener lassen ihre Karren offenbar nicht in der Garage, sondern präsentieren sie stolz im Freien.

Mir ist auch aufgefallen, dass in unserem Block vor allem am Sonntagabend Scharen von Pkw-Fahrern mit verhärmten Gesichtern, die denen frühpensionierter Turnlehrer ähneln, durchs Viertel kreuzen. Früher dachte ich, die seien auf Aufriss, denn die meisten haben bei Schönwetter die Fenster offen und spielen laszive Balkan-Musik. Inzwischen weiß ich aber, warum sie wirklich cruisen. Sie suchen ein schattiges Platzerl, das noch nicht parkraumbewirtschaftet ist, damit ihr Wagen die Woche über gratis rasten kann. Als toleranter Driver, der sich gern an absurdeste Geschwindigkeitsbeschränkungen hält, habe ich sogar Verständnis für diese Mentalität. Ich würde die Liste jedoch auch deshalb noch einmal freiwillig unterschreiben, weil ich das Wort „Parkraumbewirtschaftung“ für eine der hässlichsten Schöpfungen des Neudeutschen halte. PRB ist fast so verlogen wie das „Nulldefizit“ und mindestens so ordinär wie „Fiskalpakt“. Wahrscheinlich stammt es aus dem Wörterbuch des bösen Bürokraten. Für mich hat dieses Kompositum einen schrill-autoritären Klang. Ich will keine totale Parkraumbewirtschaftung, sondern größtmögliche Freiheit beim Verkehr.

Mein Plan, der die Grünen dieser Stadt vor Scham rot, die Roten grün vor Neid werden lässt: Alle Regelungen fürs Parken werden ersatzlos gestrichen. Die Straßen frei für immobile Autos! In einer reifen Demokratie wird der liberalisierte Markt mit unsichtbarer Hand das Fortkommen von allein regeln. Jeder sollte dort parken dürfen, wo es ihm passt und so lange er will, meinetwegen auch in der dritten Spur und zur Stoßzeit.

Der Vorteil: Alles steht dann still. Niemand mehr wird künftig ungezwungen mit dem Auto in die Stadt fahren. Wien wird endlich anders.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

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