Die Zahl der Hitzetage wird sich laut Prognosen in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Ohne Maßnahmen wird die Zahl der Todesopfer dadurch stark ansteigen: Was in den Augen der Wissenschaft dagegen getan werden kann.
Nicht nur während Hitzewellen wie der eben zu Ende gegangenen sind Städte Wärmeinseln: Im Durchschnitt ist es in Städten um zwei bis drei Grad wärmer als im Umland. Das hängt damit zusammen, dass es in der Stadt weniger Grünflächen gibt, wo Wasser verdunsten könnte (und dabei Verdunstungskälte erzeugt), sich Beton und Asphalt aufheizen, die Durchlüftung schlechter ist und viel Abwärme von Häusern oder Autos kommt.
Gefühlsmäßig ist der Unterschied sogar noch viel größer. „Die gefühlte Temperatur in der Stadt ist oft um fünf Grad höher als im Umland“, erläutert Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Die gefühlte Temperatur (PET) berücksichtigt auch Feuchtigkeit, Wind und Strahlung. Laut einer Studie des ZAMG nahm die Zahl der Tage, in denen die gefühlte Temperatur höher als 29 Grad beträgt, in den letzten Jahrzehnten deutlich zu. Der Trend wird weitergehen: Aktuell gibt es in Wien jährlich im Schnitt zwölf „Hitzetage“, an denen die Quecksilbersäule die 30-Grad-Marke übersteigt. „Diese Zahl wird sich durch den Klimawandel bis Mitte des Jahrhunderts mehr als verdoppeln“, so Staudinger. Und: Auch der urbane Wärmeinsel-Effekt wird sich verstärken: In dem Projekt „Muklimo-3“ haben ZAMG-Forscher herausgefunden, dass die Temperaturen im Zentrum und im Osten Wiens stärker steigen werden als im Wienerwald.
Die Hitze ist nicht nur unangenehm und lähmt die Aktivität von uns allen – sie kann auch dramatische Folgen für die Gesundheit haben, vor allem bei älteren Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen. Harte Daten dafür gibt es von der großen Hitzewelle des Jahres 2003 in Westeuropa, wo allein in Frankreich rund 15.000 Todesopfer zu beklagen waren. Dort gibt es seither einen Plan, in dem gefährdete Personen systematisch durch Zivilschutzbehörden in kühlere Bereiche gebracht werden. Mit Erfolg: Bei späteren Hitzewellen war die Zahl der Todesopfer um 90 Prozent niedriger.
Für Österreich schätzt man, dass die Zahl der Todesfälle während einer Hitzewelle um 14 Prozent zunimmt – in einer Woche sind das österreichweit rund 100 Todesopfer. Genaue Zahlen gibt es aber nicht, denn „Hitze“ wird in den Statistiken nicht als Todesursache geführt. Die ZAMG gibt seit dem Vorjahr auf ihrer Homepage Hitzewarnungen aus, die aber (noch) nicht systematisch genutzt werden. In der Steiermark läuft derzeit ein Pilotversuch, in dem zielgerichtete Informationen an die Sanitätsbehörden gehen.
Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass das Problem in Zukunft größer wird. Man ist dem aber nicht schutzlos ausgeliefert: Das ist die Kernaussage des Forschungsprojekts „Hot town, summer in the city“, das im Rahmen des Programms „StartClim“ – gefördert u.a. vom Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium – durchgeführt wurde. Kurzfristig am wichtigsten ist demnach das Vorhandensein von kühlen Räumen – sei es in Gebäuden, in Verkehrsmitteln oder in kühleren Grätzeln, die in Stadtplänen als „kühle Oasen“ eingezeichnet werden könnten. Eine Rolle spielen dabei Kühlaggregate und Klimaanlagen, aber auch planerische Maßnahmen. In London beispielsweise werden manche U-Bahn-Schächte mit Grundwasser gekühlt, in Kalifornien müssen seit 2005 alle flachen Gewerbegebäude weiße Dächer aufweisen („White City“).
Bewegtes Wasser. Abhilfe bei großer Hitze schaffen auch begrünte Fassaden – laut Untersuchungen von Boku-Forschern ist die Oberflächentemperatur um zehn bis 15 Grad geringer. Das Schlagwort „Green City“ steht auch hinter anderen Maßnahmen: Eine „Entsieglung“ des Bodens, die Vergrößerung der Grünflächen, Baumpflanzungen oder die Begrünung von Straßenbahngleisen tragen zu einer Abkühlung bei.
Bei dem Konzept von „Blue Cities“ soll der direkte Kühleffekt durch Wasser wirken – wobei bewegtes Wasser einen größeren Effekt hat als stehendes Wasser. Ausnutzen kann man das beispielsweise durch Sprühaufsätze auf Trinkbrunnen oder Hydranten (wie aus New York bekannt). Auch die Einrichtung von „Wasserwänden“ auf Plätzen wirkt wahre Wunder, ebenso Sprühnebel auf Schanigärten oder die Berieselung von Dächern. (Letzteres ist um 90 Prozent billiger als das Kühlen von Gebäuden mit Klimaanlagen).
Langfristig sehr große Effekte haben stadtplanerische Maßnahmen wie die Ausrichtung von Gebäuden in Ost-West-Richtung – sie beschatten dann die Straßen und bieten zudem auf der Südseite große Flächen für Solarenergiegewinnung. Und: Sehr wirksam ist eine intelligente Raumplanung. Das Freihalten von Grünzügen in der Stadt und von Frischluftschneisen kann den Wärmeinsel-Effekt von Städten langfristig deutlich verringern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)