Nanotechnologie

Die Nanotechnologie breitet sich auf immer mehr Bereiche aus: In Bälde werden Nanopestizide auf den Markt kommen – wodurch das Thema eine neue Dimension bekommt.

Nanotechnologie, also die Fähigkeit, Materialien auf molekularem und atomarem Niveau gezielt zu beeinflussen, ermöglicht große Fortschritte: Damit können beispielsweise neue Werkstoffe designt werden, die wiederum völlig neue Anwendungen ermöglichen – oft im Dienst der Effizienzsteigerung und Ressourcenschonung. Solange aus diesen Materialien keine Nanopartikel frei werden, hält sich die mögliche Gefahr in Grenzen. Bei freien Partikeln ist das anders: Je kleiner ein Teilchen ist, umso reaktiver ist es. Und was mit Nanopartikeln im menschlichen Körper oder in der Umwelt geschieht, ist derzeit weithin unbekannt. Die Zahl von Produkten, die Nanotechnologie enthalten, steigt dennoch stark: In den USA sind derzeit laut einer Statistik des Woodrow Wilson Center mehr als 1300 Nano-Konsumprodukte auf dem Markt – von verbesserten Sonnencremen über keimhemmende Socken bis hin zu wasser- und schmutzabweisenden Oberflächen.

Diese Produkte – deren Sinn oft zweifelhaft ist – werden alle nur kleinräumig angewendet, daher ist die Gefahr für die Umwelt überschaubar. Das könnte aber bald anders werden: Denn weltweit wird in Labors an Nanopestiziden gearbeitet, die schon in naher Zukunft großflächig auf unsere Äcker versprüht werden könnten. Pflanzenschutzmittel werden dabei etwa in extrem kleine Kügelchen verpackt oder an Nanopartikel angehängt. Dadurch sollen die Wirkstoffe zielgerichteter wirken: Eingesetzt werden könnten auch wasserunlösliche Wirkstoffe, sie wirken länger und intensiver als herkömmliche Präparate. Dadurch, so die Hoffnung, sollte die Menge an eingesetzten Pestiziden sinken – die Umwelt hätte also etwas davon.

Doch genau diese Vorteile könnten auch problematische Folgen haben: Nanopestizide halten sich eben länger in der Umwelt, sie sind aktiver und verteilen sich auch anders als die bekannten Wirkstoffformulierungen. Wasser und Böden könnten auf eine ganz neue Art verunreinigt werden. Ob die möglichen Vorteile die Risken wert sind, weiß man derzeit nicht. Zu diesem Schluss ist eine Studie unter der Leitung von Thilo Hofmann (Uni Wien) gekommen, die kürzlich in der Fachzeitschrift „Critical Reviews in Environmental Science and Technology“ erschienen ist. Der Kernsatz lautet: Der aktuelle Stand des Wissens ermögliche keine faire Bewertung der Vor- und Nachteile. Daher raten die Forscher zur Anwendung des Vorsorgeprinzips: Die Freisetzung von Nanopartikeln soll solange minimiert werden, bis Verhalten und Toxizität dieser Materialien besser wissenschaftlich erforscht seien.

martin.kugler@diepresse.com diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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