Freier Lauf für fantasievolle Bilder: Darum geht es im Animationsfilm, es gibt aber auch kommerzielle Verwertungsmöglichkeiten für die Arbeit einer kleinen und feinen Szene.
Natürlich, Walt Disney. Natürlich, die Pixar Studios. Bambi, Arielle und Nemo. Großes Kino, noch größere Kinderaugen, und dahinter eine milliardenschwere Trickfilmindustrie mit neuralgischen Punkten in aller Welt. Neben den etablierten Zentren – auch hier spielt Hollywood eine wichtige Rolle – gibt es auch Produktionsstätten im Off. Interessanterweise zum Beispiel in Nordkorea; das „SEK-Trickfilmstudio“ bei Pjöngjang gilt in der Industrie tatsächlich als relativ zuverlässiger Zulieferer. Eher als in der ostasiatischen Diktatur dürften sich Kreativtalente freilich eine Karriere an der amerikanischen Westküste erträumen. Oder sie bleiben im geruhsameren Wien – denn auch hier wird trickgefilmt und Film animiert.
Bilder laufen lassen. Ein vielversprechendes Talent ist zum Beispiel Caro Estrada; für ihren ersten Animationsfilm „Schreibmaschinerie“ hat sie beim diesjährigen Animationsfilmfestival „Tricky Women“ einen Preis gewonnen. Eben wurde ihr Werk in Moskau gespielt, im August reist sie nach Sibirien, um ihren Film über den Zweiten Weltkrieg dort vorzustellen. „Mich fasziniert, dass man beim Animationsfilm mit wenig Budget eigentlich alles erreichen kann. Wenn ich ein ganzes Heer für einen Film aufmarschieren lassen will, dann kann ich das ruhig machen“, sagt sie; aufwendig sei in erster Linie die Arbeitszeit. Das notwendige Handwerkszeug für die Erstellung ihrer Filme hat Estrada an der Akademie der bildenden Künste in Wien erworben, wo sie derzeit ihre Ausbildung zur bildnerischen Erzieherin absolviert. Schule und Trickfilme passen ihrer Meinung nach ohnehin gut zusammen: „Wir sollen ja als Lehrer neue Medien in die Schulen tragen.“
Geht es nach Waltraud Grausgruber, Leiterin des Tricky Women-Festivals, sollte ohnehin jeder, der sich für Trickfilme interessiert, in der Lage sein, kleine Geschichten, die ihm im Kopf herumschwirren, fachgerecht zu animieren. Zu diesem Zweck bietet Grausgruber heuer zum ersten Mal eine Sommerakademie, nämlich den „Animation Summer“, an. Hier sollen sowohl Animationsprofis ihr Wissen erweitern, als auch Laien auf ihre Kosten kommen. Einzige Voraussetzung: Begeisterungsfähigkeit und der Wunsch, sich mit „der Kunstform des 21. Jahrhunderts“, so Grausgruber im Brustton der Überzeugung, auseinanderzusetzen. Hinter diesem Lob für das Genre steht eine persönliche Überzeugung: Denn Grausgruber sieht das von ihr geleitete Festival als Plattform und Lobby. Ihre Mission: die Trickfilmszene in Österreich zu stärken. Generell sei es nämlich um diese nicht so gut bestellt: „Bei uns fehlt die richtige Industrie, außerdem gibt es verhältnismäßig wenig Firmen, die Animationsfilme in Auftrag geben“, sagt Grausgruber. Und das, obwohl der Animationsfilm in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt hätte: sowohl in der Werbung als auch bei der Erstellung von kurzen Informationsfilmen. Zeitgleich wächst in Österreich junger Trickfilmernachwuchs heran. Und das, obwohl es kein eigenes Trickfilmstudium im Land gibt.
Sichtbarmachung. Eine kommerziell erfolgreiche Trickfilmszene ist vor Ort so gut wie nicht vorhanden. Das liege aber, so Grausgruber, oft einfach daran, dass österreichische Firmen gar nicht um das Trickfilmerpotenzial wissen: „Dann engagiert man lieber Leute aus dem Ausland, als vor Ort zu suchen.“ In Zukunft möchte Grausgruber Animationsfilmer und Industrie näher aneinander bringen, denn „als junger Mensch muss man, ehrlich gesagt, derzeit noch auswandern, wenn man von Animationsfilmen leben will.“
Das weiß auch Maria Reisinger, die sich in Salzburg während ihres Multimediastudiums auf Animationsfilme spezialisiert hat. „Grundsätzlich rechne ich mir mit meinem Studium gute Chancen aus“, sagt die 25-Jährige. „Wenn ich aber in Österreich bleiben will, wird es schwierig.“ Auf den deutschen Markt hat sie daher schon längst ein Auge geworfen, allerdings im Bereich der Computerspiele, „weil mich das derzeit mehr interessiert.“ Eine bessere Situation finden übrigens Trickfilmer vor, die einen künstlerischen Zugang zur Branche haben.
Österreich hätte sich, meint Waltraud Grausgruber, nämlich mit der Erstellung von künstlerischen Animationsfilmen durchaus international einen Namen gemacht. Zu den bekannteren Vertreterinnen zählt Barbara Musil, die bildende Kunst, Video und Animationsfilme fusioniert. „Für mich bieten Animationsfilme ein riesiges Spektrum an Möglichkeiten“, erklärt sie. Je nach Idee, Konzept und Laune nimmt sie das eine oder andere Genre für ihre Arbeiten her oder arbeitet transdisziplinär. Manche Ideen, meint Musil, würden sich in Animationsfilmen einfach besser aufarbeiten lassen. Ein Trend, den auch andere Künstler schon längst erkannt haben. Etwa Fotografen. „Für die ist der Schritt vom stillen Bild zum bewegten Bild sehr klein“, sagt Musil, die bei der Tricky Women-Sommerakademie einen der Workshops leiten wird. Hinzu komme, dass der Animationsfilm mittlerweile als eigene Kunstform anerkannt werde.
Motiviert zu animieren. Für Caro Estrada sind solche Gedanken noch in weiter Ferne. Im Moment möchte sie ihr Studium abschließen, als Lehrerin zu arbeiten beginnen. Wie es mit den Animationsfilmen langfristig weitergehen wird, darüber hat sie noch nicht nachgedacht. „Ich nehme jetzt einmal den nächsten Film in Angriff“, sagt sie. Wie der aussehen wird und soll, weiß sie noch nicht. Wenigstens um die Finanzierung muss sie sich nicht groß sorgen, denn die kommt – wenigstens zum Teil – als zweckgewidmeter Preis für ihren ersten Film. „Das Geld will ich auf gar keinen Fall verfallen lassen“, sagt sie. Dafür hätte ihr die Arbeit am ersten Film zu gut gefallen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)