Kernforschung: Nur 60 Fässer Atommüll sind geblieben

Der Atomreaktor in Seibersdorf ist Geschichte, nur der Atommüll ist noch da. Und das Anti-AKW-Land Österreich ist ein international gefragter Know-how-Lieferant beim Umgang mit strahlenden Materialien.

Seibersdorf/Wien. Heute muten diese Vorgänge völlig unwirklich an: 1972 hat das damalige Österreichische Forschungszentrum Seibersdorf ausgediente Steuergeräte für einen Atomreaktor an den Iran verkauft. Und 1981 kam eine Delegation aus Nordkorea zu Besuch, um mit Österreich ins Isotopengeschäft zu kommen - was freilich nicht zustande kam.

Das ist Geschichte. Die Zeit, in der Österreich noch auf dem Fortschrittszug Kernkraft unterwegs war, ist vorüber. Allerdings genau genommen noch nicht lange. Denn erst heuer wurden die letzten Reste des Atomzeitalters beseitigt: mit dem Abschluss des Abbaus des Astra-Reaktors in Seibersdorf.

Der 10-Megawatt-Reaktor mit US-Technologie war 1960 in Betrieb gegangen. Anfangs rein für Forschungszwecke - viele österreichische Unternehmen waren an diesem Know-how interessiert -, später auch für kommerzielle Anwendungen, etwa die Dotierung von Silizium für die Computer-Industrie mit Phosphor. 1991 stammten fünf Prozent der Weltproduktion aus Seibersdorf. 1999 wurde er abgeschaltet.

Die Baukosten lagen bei damaligen 130 Mio. Schilling. Der Abbau schlug sich nun mit (deutlich höheren) Kosten von 13 Mio. Euro zu Buche. Aber sogar beim Abbau wurde wertvolles Know-how geschaffen, erzählt Günter Hillebrand, Geschäftsführer der Nuclear Engineering Seibersdorf - einer Tochter der Austrian Research Centers (ARC) - der "Presse". "Die Internationale Atomenergieorganisation IAEO hat uns bestätigt, dass die Stilllegung im Vergleich zu anderen Projekten sehr schnell und billig vor sich gegangen ist."

Verantwortlich dafür sind neue Technologien, die eigens entwickelt wurden - mit dem Ziel, die Mengen zu minimieren, die man als Atommüll zu hohen Kosten deponieren muss. Etwa durch "Ausheizen" von stark bestrahltem Grafit aus dem Reaktorkern, der ohne Sonderbehandlung ein höchst unangenehmer Stoff wäre. Oder durch ein Schmelzverfahren, bei dem die Isotope in der Schlacke zurückbleiben. Oder durch neue Filtertechnologien zur Behandlung von belastetem Abwasser. Im Endeffekt fielen statt geschätzter 160 Tonnen nur 80 Tonnen Atommüll an - die sogar noch auf 40 bis 50 Tonnen reduziert werden sollen. Dadurch konnten Mehrkosten beim Reaktorabbau aufgefangen werden.

Das Atom-Know-how ist indes unverändert gefragt. Zum einen in Österreich selbst. In Krankenhäusern, Industrie und Forschung fallen jährlich knapp 20 Tonnen radioaktiver Abfall an. Dieser wird in Seibersdorf aufgearbeitet - beispielsweise verbrannt, gepresst oder in Beton eingegossen. Dazu kommen Altlasten. "Wir finden heute noch Dinge in Labors, die nun aufgearbeitet werden müssen", so Hillebrand. Ein spektakulärer Fall war 1994 der Fund eines vergessenen Thorium-Lagers in den Kellern des alten AKH in Wien. Die Reste kommen ins Österreichische Zwischenlager - zwei Hallen in Seibersdorf. Zum Bestand von aktuell 9700 Fässern werden heuer 60 bis 70 weitere dazukommen. Dieses Lager wird in den nächsten Jahren erweitert - und zwar in der stehen gebliebenen Hülle des Reaktorgebäudes.

Auch international sind die 45 Seibersdorfer Experten gefragt. Sie werden etwa bei der Stilllegung von Atomkraftwerken in Norwegen oder Lettland beigezogen. Und für die IAEO stellen sie das europäische Interventionsteam für Alpha-Strahler. Jüngster Fall ist der Fund von strahlendem Material in einem Belgrader Spital, das derzeit geborgen wird.

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