Austria'06. Erich Griesmayer entwickelt in Wr. Neustadt die modernste Technologie zur Krebstherapie.
Wir hatten eine Vision, als wir mit MedAustron begonnen haben", erzählt Erich Griesmayer (45). "Wir wollen modernste Technologie für die Krebstherapie in Österreich etablieren, und wir wollen einen Teilchenbeschleuniger nach Österreich bringen und der Wissenschaft verfügbar machen."
Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, dann werden diese Visionen auch Realität: Derzeit laufen die Ausschreibungen für das Bau- und Betreiberkonsortium für MedAustron, in ungefähr vier Jahren können in Wr. Neustadt jährlich 1200 Patienten mit einer neuartigen Krebstherapie behandelt werden - wie es sie weltweit nur an wenigen Standorten gibt. Kostenpunkt laut Designstudie: 120 Mio. Euro. Öffentliche Förderzusagen gibt es für 47.
Abgesehen vom medizinischen Nutzen: "Zirka 50 Forschungsinstitute haben bereits Interesse angemeldet, bei MedAustron Versuche durchführen zu wollen", so Griesmayer. Nachsatz: "Forscher vom Europäischen Teilchenforschungszentrum CERN oder von der Europäischen Weltraumagentur werden zu uns kommen."
Die Begeisterung ist Griesmayer ins Gesicht geschrieben, wenn er über seinen "Lebenstraum" MedAustron spricht. Dass er der "geistige Vater" des Projektes sei - wie er immer wieder genannt wird -, das streitet er ab. Er sei höchstens der "Zugochse", sagt er in aller Bescheidenheit. Ohne seine Vordenker und sein Team wäre das alles nicht möglich gewesen, betont er. Das sind an führender Stelle der Physiker Meinhard Regler und die Mediziner Richard Pötter und Thomas Auberger.
Der studierte Elektrotechniker Griesmayer ist mit dem Projekt jedenfalls seit 1992 beschäftigt, damals als Mitglied einer Projektgruppe am CERN, wo die ersten Machbarkeitsstudien durchgeführt wurden. Diese Jahre waren übrigens die einzigen, in denen er mit MedAustron Geld verdient hat. Die restliche Zeit war der Teilchenbeschleuniger seine "Passion". Quasi sein Hobby, in das jede freie Minute investiert wurde.
Im Brotberuf war Griesmayer seit 1995 am Aufbau der Fachhochschule Wiener Neustadt beteiligt. 1999 wurde er Geschäftsführer der dortigen Technologietransfer-Gesellschaft Fotec, seit heuer ist er zusätzlich in der Geschäftsführung der Fachhochschule Wr.#Neustadt, der größten in Österreich. Und zusätzlich dazu hat er eben das MedAustron-Projektteam geleitet, in dem zwischenzeitlich bis zu 40 Wissenschaftler mitgearbeitet haben.
MedAustron soll auf Basis einer völlig neuartigen Technologie arbeiten: Mithilfe eines Injektors wird ein Ionenstrahl erzeugt, der in einer Kreis-Beschleuniger-Anlage auf 60 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wird. Als Ionen werden die Kerne von Wasserstoff- (Protonen) und Kohlenstoff-Atomen verwendet. Bei Letzteren wird technologisches Neuland betreten - mit der Hoffnung, der Medizin eine noch bessere Waffe gegen den Massen-Killer Krebs in die Hand zu geben.
Ionenstrahlen haben eine interessante Eigenschaft: Sie lassen sich so steuern, dass sie ihre Wirkung im Körper nur in einer bestimmten Tiefe entfalten. So lässt sich ein Tumor zerstören, ohne dass das gesunde Gewebe vor, neben und hinter dem Geschwür geschädigt würde. Und das alles mit einer Genauigkeit besser als ein Millimeter.
"Mit der Methode kann man Tumore behandeln, die mit anderen Methoden nicht heilbar sind", so Griesmayer. Etwa Geschwüre, die direkt am Rückgrat sitzen. Mit anderen Bestrahlungsmethoden würde man die Nerven in der Wirbelsäule schädigen. Griesmayer: "Bevor der Tumor etwas spürt, wäre man gelähmt."
Mit dem Start der Ausschreibung für das Bieterkonsortium für MedAustron ist Griesmayer sein "Kind" los - die Abwicklung liegt bei einer Projektgesellschaft aus Bund, Land Niederösterreich und Gemeinde Wr. Neustadt.
Untätig ist er deswegen nicht. Griesmayer bereitet sich wie viele andere Forschergruppen im In- und Ausland auf die Zeit vor, in der der Beschleuniger dann zur Verfügung steht. Nämlich im Konzipieren von Forschungsprojekten - etwa in der Materialforschung, in der medizinischen Strahlenphysik oder in der Strahlenbiologie. Bis dahin ist für Griesmayer "Geduld" angesagt. "Es ist, als ob man auf ein Baby wartet."
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