TECHNOLOGIE. Die kanadische Firma Iogen stellt aus Agrarabfällen Ethanol her - vielleicht bald auch in Europa.
OTTAWA. Die Demonstrationsanlage von Iogen beim Flughafen in Ottawa dampft seit eineinhalb Jahren problemlos vor sich hin: Hergestellt wurden schon mehr als 200.000 Liter Alkohol. Und zwar - das ist weltweit einmalig - aus Agrarabfällen. Dieser Prozess könnte die Herstellung von Biosprit in einigen Jahren total revolutionieren. Derzeit wird Bio-Ethanol weltweit - und ab 2007 auch in Österreich - aus zucker- oder stärkehältigen Materialien wie Zuckerrübe, Zuckerrohr, Mais oder Weizen hergestellt.
Anders bei der kanadischen Firma Iogen: Diese nutzt Stroh zur Biosprit-Produktion. "Derselbe Prozess würde auch mit Weichholz funktionieren", erzählt der Vizepräsident von Iogen, Jeff Passmore, der "Presse". Stroh sei aber zur Zeit einfach billiger.
Die Zellulose im Stroh wird mit Enzymen aufgespalten, die entstehenden Zuckermoleküle werden dann zu Alkohol vergoren. Alle Abfälle aus dem Prozess werden zur Energiegewinnung verheizt. Unterm Strich kann die Fabrik 85 Prozent der benötigten Energie selbst erzeugen. Mit weiteren Effizienzsteigerungen sei sogar eine Energie-autarke Fabrik machbar, meint Passmore.
Kostengünstiges Bio-Ethanol gilt unter Experten als eine der größten Hoffnungen, den Verkehrssektor umweltfreundlicher zu machen und die Importabhängigkeit bei Erdöl zu reduzieren. Laut Studien gibt es etwa in den USA genug landwirtschaftliche Reststoffe, um ein Drittel des Benzinverbrauchs abzudecken. Der CO2-Ausstoß des Verkehrssektors könnte mehr als halbiert werden. In den USA garantieren alle Pkw-Hersteller, dass ihre Autos einen Ethanol-Anteil im Sprit von zehn Prozent tolerieren. In der EU sind es derzeit fünf Prozent, in Brasilien 25 Prozent. Eine neue Generation sogenannter "Flexi-Fuel"-Autos kann mit beliebigen Mischungsverhältnissen von null bis 85 Prozent Ethanol betrieben werden.
Iogen unterscheidet sich von anderen in diesem Bereich tätigen Firmen darin, dass es eigene Enzyme produziert. "Damit haben wir die Schlüsseltechnologie im Haus", so Passmore. Diese Chemikalien sind der größte Kostenfaktor, und die Effizienz der Zellulose-Spaltung entscheidet auch über wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg.
Zudem liefert das Enzymgeschäft - etwa mit Textil-Herstellern, die "stone-washed"-Jeans machen - sichere Erträge von derzeit 13 Mill. Dollar. Nur durch diesen laufenden Cash-Flow waren auch die bisherigen Forschungs- und Investitionskosten von ungerechnet rund 60 Mill. Euro finanzierbar. Knapp die Hälfte des Geldes stammt vom Erdöl-Multi Shell, der die Technologie in Zukunft weltweit anwenden will.
Viel schwieriger ist es hingegen, die nötigen 200 bis 300 Mill. Euro für die erste großindustrielle Anlage aufzutreiben. Passmore: "Banken wollen keine neue Technologie finanzieren, Risikokapitalgeber wollen nicht erst in 20 Jahren Gewinne sehen." Financiers würde nur dann einsteigen, wenn es Regierungsgarantien gibt. Und diese waren bisher nicht zu bekommen. Iogen verhandelte in Kanada, den USA, Großbritannien und Deutschland - bislang ohne Erfolg.
Passmore sieht die Probleme bei der Investorensuche ganz nüchtern: "Wenn ich Banker wäre, dann würde ich auch kein Geld dafür hergeben, weil mir das Risiko zu groß wäre: Niemand weiß, ob der Prozess auch im industriellen Maßstab funktionieren wird." Nun tut sich mit dem Regierungswechsel in Kanada allerdings ein neuer Hoffnungsschimmer auf: Die Liberale Partei will bis 2010 eine verpflichtende Beimischung von fünf Prozent Bio-Sprit zum herkömmlichen Treibstoff erreichen. Das ist eine ähnliche Größenordnung wie in Europa. Eine gesetzliche Vorschrift sichert auf absehbare Zeit einen Absatzmarkt.
Auch aus Deutschland kommt nun verstärktes Interesse: Bei der Automesse in Detroit vereinbarte Iogen kürzlich mit Volkswagen und Shell die Durchführung einer Studie, ob Bio-Ethanol in Deutschland wirtschaftlich produziert werden kann.
In den Kalkulationen ist Bio-Ethanol aus Stroh sehr kostengünstig: Gerechnet wird mit 32 Cent pro Liter. Das ist nur halb so teuer wie Ethanol aus Zuckerrüben und billiger als brasilianischer Ethanol aus Zuckerrohr. Um den Prozess möglichst rentabel zu machen, beschränkt sich die geplante Anlage allerdings nicht nur auf die Alkohol-Produktion: Geplant ist vielmehr eine ganze Bio-Raffinerie, in der der Alkohol zu anderen Produkten weiterverarbeitet wird. Und das entstehende CO2 für Getränkehersteller gesammelt und aufbereitet wird.