Das Wohnumfeld ist vor allem für junge Frauen entscheidend für deren Wohlergehen und Zukunft.
Auf den ersten Blick scheint es völlig klar zu sein: Das Umfeld, in dem man wohnt, beeinflusst das Wohlergehen stark. Sei es die soziale und wirtschaftliche Lage, sei es die Gesundheit - in ärmeren Vierteln ist das Leben der Menschen weniger rosig als in besseren. Bester Beweis dafür scheinen die Vororte von Paris zu sein, von denen ja vor einem Jahr gewalttätige Unruhen ausgingen.
Doch diese Argumentation ist keineswegs zwingend. Und - was überraschen dürfte: Sie ist empirisch nicht gut abgesichert. Ökonomen weisen schon lange darauf hin, dass hier ein Henne-Ei-Problem vorliegt: Ist das Wohnumfeld Ursache oder Folge der wirtschaftlichen Lage der Betroffenen? Theoretisch lässt sich das nicht klären. Forscher in den USA haben deshalb versucht, dieses Problem mit einem groß angelegten Experiment zu klären: Zufällig ausgewählten Menschen wurde es ermöglicht, in bessere Viertel zu ziehen. Die ersten Zwischenergebnisse sind verblüffend - denn sie widersprechen der Argumentation aus dem Bauch heraus in vielen Punkten.
In den USA funktioniert soziales Wohnen so, dass Haushalte Mietbeihilfen in Form von "Vouchers" bekommen. Forscher der Harvard University und der Brookings Institution (Washington) haben in den 90er Jahren folgendes Experiment gestartet: Per Zufallsprinzip bekommen Beihilfebezieher Vouchers, die nur unter der Bedingung eingelöst werden konnten, dass sie in eine Gegend mit einer um zehn Prozent niedrigeren Armutsrate übersiedeln. Die Studie umfasst 4248 Haushalte in New York, Los Angeles, Chicago, Baltimore und Boston.
Die zentrale Aussage der nun veröffentlichten Auswertungen: Im großen und Ganzen ändert eine Übersiedlung in bessere Viertel an der wirtschaftlichen und sozialen Situation der Menschen kaum etwas. Mit der Einschränkung, dass das zumindest in den ersten Jahren so ist. Konkret: Das Ausmaß, in dem sich eine Familie selbst erhalten kann, blieb trotz neuem Lebensumfeld unverändert. Die Forscher erklären das durch zwei Faktoren: Die sozialen Beziehungen und die Arbeitsnetzwerke blieben großteils unverändert. Dazu kamen aber neue Barrieren wie die größere Entfernung zur Arbeit und zu Freunden.
Einen ähnlichen Befund gibt es für die Gesundheit. Diese verbesserte sich nicht - mit einer einzigen Ausnahme: Die Fettleibigkeit ging zurück. Was sich laut den Studienautoren auf Verbesserungen der psychischen Gesundheit zurückführen lässt. Dass Depressionen oder Schlaflosigkeit seltener wurden, lässt sich dadurch erklären, dass das Leben in armen Vierteln oder Slums mit Stress und Angst verbunden ist.
Sehr zwiespältig sind die Folgen der Übersiedlung für Kinder und Jugendliche. Am stärksten verbessern konnten es sich junge Frauen: Sie wurden schon nach kurzer Zeit deutlich gesünder - was viel damit zu tun hat, dass es in besseren Vierteln weniger Drogen gibt und Vergewaltigungen seltener vorkommen. Sehr deutlich hat sich das Ausbildungsniveau der jungen Frauen verbessert. Zudem entwickelten sie einen viel risiko-ärmeren Lebensstil. Ganz im Gegensatz zu ihren männlichen Alterskollegen: Diese verschlechterten ihr Lage sogar nach der Übersiedlung. Ihr Lebensstil wurde riskanter, es gab mehr Verletzungen, mehr Drogendelikte.
Warum gibt es diesen starken Geschlechts-Unterschied? Die Forscher haben mehrere Ursachen herausgefunden: So schließt die eher rüde Sprache, die sich die Buben im früheren Lebensumfeld angeeignet haben, sie aus "besseren Kreisen" aus. Die männlichen Jugendlichen leben eher auf der Straße - etwa in den vergitterten Basketball-Feldern - und kommen dadurch vermehrt mit Kriminalität in Berührung. Bei Mädchen hingegen gibt es in den USA schon seit Jahrzehnten einen Trend zu einer besseren Ausbildung. Die Übersiedlung hat für die Betroffenen die Barrieren weggeräumt, von denen sie bisher eingeschränkt wurden.
Fazit der Forscher: Es gibt zweifelsohne so etwas wie einen Nachbarschafts-Effekt. Dieser hat aber für verschiedene Gruppen unterschiedliche Auswirkungen, die ohne Untersuchungen kaum vorhersagbar sind. Die Studienautoren lassen sich aber dann doch zu allgemein gültigen Aussagen hinreißen. Erstens: Die Übersiedlung in bessere Wohngegenden allein reicht zur Bekämpfung der Armut nicht aus. Und zweitens: Aus gesellschaftlicher Sicht überwiegen die Vorteile - vor allem für junge Frauen - die Kosten von derartigen Sozialprogrammen.