Grundeinkommen: "Haben alle diesen Arbeitsfetischismus"

Grundeinkommens-Aktivist Ronald Blaschke erklärt, warum auch Millionäre Geld bekommen sollten.

Wien. Eine Grundsicherung nur für Arbeitswillige und Bedürftige? Davon hält Ronald Blaschke wenig. Der studierte Philosoph, Soziologe und Pädagoge ist Sprecher des "Netzwerks Grundeinkommen" in Deutschland und war dieser Tage auf Einladung der Katholischen Sozialakademie in Wien. "Man sollte auch Millionären ein Grundeinkommen gewähren, denn die finanzieren es ja mit", sagt er. Und an Arbeitsunwillige, da "Zwangsarbeit" menschenrechtswidrig sei.

Das österreichische Modell der "bedarfsorientierten Mindestsicherung", durch das künftig jedem arbeitswilligen Bedürftigen 726 Euro pro Monat zukommen sollen, gefällt dem Deutschen zwar "aus rein armutspolitischer Sicht" besser als das deutsche Hartz-IV-Modell, wo man nur 345 Euro plus Kosten für Unterkunft erhält.

Doch brächten solche Modelle immer ein Dilemma mit sich: Unterstütze man nur Arbeitslose, provoziere man eine "Faulheitsdebatte", weil Erwerbstätige sich ärgern, warum andere fürs Nichtstun Geld bekommen. Unterstütze man auch Niedriglohnempfänger, würden Betriebe das ausnützen und von vornherein wenig zahlen.

Bei einem "bedingungslosen Grundeinkommen" habe man diese Probleme nicht. Das Modell sieht vor, dass jeder, ob arm oder reich, ob arbeitswillig oder nicht, rund 800 Euro pro Monat erhält. Zusätzlich zu seinem Einkommen.

In Österreich tritt neben der KPÖ vor allem die Katholische Sozialakademie für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Kardinal Christoph Schönborn räumte allerdings jüngst ein, dass das Modell unter Katholiken umstritten sei. Doch auch in Deutschland kommen nicht alle Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens aus dem linken Lager wie Blaschke. CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus aus Thüringen oder DM-Chef Götz Werner gehören auch dazu. "Der größte Widerstand dagegen kommt von SPD- und Gewerkschaftsspitze", sagt Blaschke. "Die haben alle diesen Arbeitsfetischismus."

Bei der Finanzierung gehen die Meinungen auseinander: "Man könnte auf alle Nettoeinkommen eine Abgabe von einem Drittel einheben", schlägt Blaschke vor. Dadurch würden jene, die mehr als 2400 Euro netto verdienen, unterm Strich zur Kasse gebeten. Würde das nicht zu einer Abwanderung von Spitzenkräften führen? "Es gibt auch andere Modelle", räumt Blaschke ein. Etwa eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer oder eine Energieabgabe.

Dass auch Leute Geld bekommen sollen, die sich offen zu ihrer Arbeitsunwilligkeit bekennen, gefällt nicht allen Anhängern des Modells. Die Katholische Arbeitnehmerbewegung in Deutschland will nur jenen Leuten ein Grundeinkommen geben, die eine bestimmte Stundenanzahl an Erwerbsarbeit, Familienarbeit, bürgerlichem Engagement oder Weiterbildung nachweisen. Blaschke ist anderer Ansicht: Erwerbstätige sollten gerade dann Geld bekommen, wenn sie ihre Arbeitszeit verkürzen. Dann würde die Arbeit auf mehrere Köpfe verteilt, ist er überzeugt. Und die Neid- und Faulheitsdebatte wäre man auch los: "Dann könnten auch Erwerbstätige Geld fürs Nichtstun kriegen."

Dass dann der Standort Deutschland leiden würde, glaubt Blaschke nicht. Im Gegenteil: Die Betriebe würden dort besonders motivierte Arbeitskräfte vorfinden, weil diese ja freiwillig arbeiteten.

In einem Land gibt es ein bedingungsloses Grundeinkommen: Im US-Bundesstaat Alaska erhalten alle Bürger eine Dividende aus dem Ölgeschäft. Existenzsichernd ist diese nicht: Heuer bekamen die 600.000 Bewohner je 1106,96 Dollar (800 Euro).

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