Handel: Rebellion der Sonntagsöffner

Vor dem ersten Adventsonntag formiert sich in Wien Widerstand gegen das Einkaufsverbot am Sonntag.

WIEN. Einige Mitarbeiter des Wiener Marktamtes werden an den kommenden Sonntagen arbeiten dürfen. Denn sie sind es, die Übertretungen des Ladenschluss-Gesetzes ahnden müssen. Es wird zu Übertretungen kommen. Immer mehr Wiener Geschäftsleute bekennen sich mittlerweile offen dazu, dass sie an den Adventsonntagen ihre Läden aufsperren werden. Verwaltungsstrafen nehmen sie in Kauf.

Gerade in der Vorweihnachtszeit wird die Wiener Innenstadt bevorzugter Weise von italienischen Touristen bevölkert. Sie stehen am Sonntag vor geschlossenen Geschäften. Ein Umstand, den auch City-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel nicht mehr länger akzeptieren möchte. Die ÖVP-Politikerin findet es schade, wenn Touristen "ihr Geld nicht los werden".

Doch längst ist es nicht nur eine Handvoll Boutiquen-Besitzer, die sich selbst verbotenerweise am Sonntag in den Laden stellen. Auch große Handelsketten wie Ikea wollen die ihrer Meinung nicht mehr zeitgemäßen Ladenschluss-Zeiten zu Fall bringen. Ikea in Wien-Nord wird an zwei Adventsonntagen von zehn bis 16 Uhr offen haben. Doch die Besucher werden nicht einkaufen können. Offiziell wird geöffnet, weil in dem Einkaufszentrum ein Restaurant untergebracht ist. Das Restaurant darf sonntags aufsperren. Dass die Besucher gleichzeitig durch das Möbelhaus flanieren, und dabei zumindest einige "Einkaufsideen" sammeln können, ist Zweck der Übung. Damit viele Gäste wochentags wieder zurückkommen, gibt es für jeden Besucher am Sonntag einen Gutschein für einen Christbaum.

Das Marktamt hat bereits strenge Kontrollen angekündigt. Denn nach den Buchstaben des Gesetzes müssen die Gäste am Sonntag durch einen separaten Eingang in das Restaurant gebracht werden. Ein Bummel durch das Verkaufslokal sei gesetzeswidrig, heißt es bei den Magistratsbeamten.

Faktum ist: Mittlerweile hat sich eine Allianz der ganz Großen und der ganz Kleinen gebildet. Neben Ikea treten auch Mitbewerber Interio oder die Shopping City Süd für offene Sonntage ein. Auf der anderen Seite formieren sich die Luxus-Läden am Kohlmarkt, Graben und in der Kärntner Straße. De facto "geschlossen aufsperren" wollen die Geschäftsleute in der Goldschmiedgasse beim Stephansplatz.

Unterstützt wird die Rebellion der Sonntagsöffner von der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV). Dort sieht man das Ganze als "ein Zeichen für die Urbanität Wiens". ÖHV-Präsident Peter Peer verweist auf eine Studie des Gallup Instituts. Demnach sagen 14 Prozent der Wien-Touristen, dass sie ihr Reiseziel auch nach den dortigen Einkaufsbedingungen auswählen. "Die Entscheidung Berlins, an zehn Sonntagen im Jahr die Rollbalken der Geschäfte hoch zu ziehen, macht die Stadt zu einer Shoppingmetropole. Wien könnte diesem Beispiel folgen", meint Peer.

Im Wiener Rathaus sieht man der Entwicklung gelassen entgegen. Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) könnte per Verordnung Tourismuszonen schaffen. In diesen wäre es erlaubt, am Sonntag aufzusperren. Häupl spielt den Ball aber seit Monaten an die Unternehmer zurück. Wenn die Mehrheit der Unternehmer für die Sonntagsöffnung ist, werde er diesem Wunsch nachkommen. Doch laut einer Umfrage der Wiener Wirtschaftskammer lehnen sechs von zehn Mitgliedern eine Sonntagsöffnung ab. Und auch die jüngsten Ankündigungen werden in der Wirtschaftskammer nicht als Angriff auf das Öffnungsverbot gesehen, sondern als "Marketing-Gags".

Der Obmann der Sparte Handel in der Wiener Wirtschaftskammer, Fritz Aichinger, hat am Donnerstag die Restaurant-Öffnung am Ikea-Standort Wien-Nord kritisiert. "Ikea macht das als reine Marketingmaßnahme", sagte er. Die Diskussion um die Ladenöffnung in Wien sei "künstlich angeheizt", so Aichinger. Er kenne auch große Handelsketten, die kein Interesse an einer Sonntagsöffnung haben. Wiens Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank hält die derzeitige Regelung für ausreichend. Sie werde aber beobachten, wie sich die Sonntagsöffnung in Berlin auswirkt.

Und so ziehen Wirtschaftskammer und Gewerkschaft an einem Strang. Denn auch die Gewerkschaft hat ihre Mitglieder befragt. Auch hier plädiert die Mehrheit für einen freien Sonntag. Und die Rede ist natürlich von Gewerkschaftsmitgliedern, die einen Arbeitsplatz haben.

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