PAPIER. Die Industrie fordert die Umschichtung von Agrarsubventionen in die Forstwirtschaft.
GRATKORN/WIEN. Die Halle neben der Mur ist die größte in Österreich. Und auch ihr Inhalt hat gigantische Ausmaße: Die Papiermaschine PM11 bei Sappi in Gratkorn ist über 400 Meter lang. Aus ihr laufen täglich 3500 Kilometer einer 8,5 Meter breiten Papierbahn. Die Produktion von 13 Tagen reichte aus, um die ganze Welt einzuwickeln.
Freilich ist auch der Rohstoffbedarf enorm: Im Jahr hat die Fabrik einen Holzbedarf von 1,2 Mio. Festmeter. Das sind fast 50.000 Eisenbahnwaggons. Das Problem: In Österreich wird das Holz knapp. Der Holzimport für die Papierproduktion hat sich von 200.000 Tonnen im Jahr 2005 auf heuer 800.000 Tonnen vervierfacht.
Die Gründe dafür sind mannigfaltig. So bekommt die holzverarbeitende Industrie weniger Holz aus dem Tschechien oder Deutschland als früher - dort entsteht derzeit eine potente Holzindustrie.
Den Papierproduzenten setzt vor allem der Boom der Biomasse-Kraftwerke zu. Zwar geht es dabei nur selten um dieselben Holz-Segmente, doch mittelbar gibt es riesige Umschichtungen im Holzmarkt: "Der Wettbewerb entzündet sich an Sägenebenprodukten", sagt Ferdinand Fuhrmann. Generaldirektor von Smurfit (Nettingsdorfer). Um diese "Koppelprodukte" konkurrieren Biomasse-Verfeuerungen, Spanplattenhersteller und die Papierindustrie. Die Folge: Sägenebenprodukte haben sich binnen zwölf Monaten um 80 Prozent verteuert - viel stärker als Rundholz, dessen Preis um gut ein Viertel gestiegen ist.
"Das Holz wird uns weggenommen", ereiferte sich der Präsident des Branchenverbandes Austropapier, Michael Gröller. Und zwar vor allem durch den "Lieblingsfeind" der Papierindustrie: das Ökostromgesetz. Wegen der gesetzlich festgelegten erhöhten Einspeisetarife würden die Biomasse-Kraftwerke "zu 60 Prozent subventioniert", sagt Sappi-Austria-Chef Dieter Radner. "Das ist reiner Wahnsinn: Wir fördern die Verbrennung und müssen Holz zu horrenden Kosten importieren", ärgert sich Gröller.
Österreich habe einen politischen Grundfehler gemacht, ist man bei Austropapier überzeugt. Anstatt die Holzförderung zu steigern, habe man den Holzverbrauch angekurbelt. Zur Illustration der Größenordnungen, um die es für die Papierindustrie geht: Bis 2010 wird der Holzverbrauch für die energetische Nutzung um gut acht Mio. Festmeter steigen. Das ist so viel, wie die Papierindustrie insgesamt verbraucht.
Deshalb fordert die Branche eine politische Kehrtwende. Fuhrmann hat zwei konkrete Vorschläge: Förderungen aus der Landwirtschaft müssten in die Forstwirtschaft umgeschichtet werden - als Anreiz, die Durchforstung der Wälder zu steigern. Und auf Bracheflächen müssten "Kurzumtriebswälder" - schnellwüchsige Pappeln oder Birken - für die Energienutzung gepflanzt werden.
Die Papierindustrie fühlt sich von der Politik aber nicht nur beim Ökostromgesetz verfolgt, auch in anderen Bereichen wittert man Benachteiligungen. Etwa bei den CO2-Emissionszertifikaten, wo bei der Neuberechnung derzeit drei neue Gaskraftwerke der Papierindustrie strittig sind. Die Industrie beklagt zudem die fehlende Strommarkt-Liberalisierung. Das Loch im 380-kV-Hochspannungs-Ring gefährde die Betriebssicherheit. In Folge stocken derzeit einige Investitionsprojekte, konkret in den Papierfabriken in Laakirchen, Bruck und Pöls.