Auch Selbstmord-Attentäter handeln ökonomisch

Studie. US-Ökonomen erforschten die Wirtschaftlichkeit des Terrors.

Ökonomisches Denken be herrscht weite Teile unseres Handelns und Lebens - auch viele Bereiche, wo man es nicht vermuten würde, etwa beim Verhalten von Selbstmord-Attentätern. "Das Humankapital ist entscheidend für die Produktion von Selbstmord-Anschlägen", meinen die beiden US-Ökonomen Efraim Benmelech (Harvard University) und Claude Berrebi (Rand Corporation; ein US-Think-Tank) in einer eben veröffentlichten Studie.

Über Selbstmordanschläge forschen, klingt zwar makaber, die beiden Ökonomen bewegen sich aber im Mainstream der US-Wirtschaftswissenschaften: Bald nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde eine alte Arbeit von Gary S. Becker (Nobelpreis 1992) wieder entdeckt, die eine Theorie des "rationalen Verbrechens" formuliert.

Der Grundgedanke: Ob jemand Verbrecher ist, hängt eng damit zusammen, welche Chancen er in "normalen" Berufen hat. Verbrechen werden seltener, wenn das Einkommen für legale Tätigkeiten relativ zu dem aus kriminellen Handlungen steigt. Viele Studien haben gezeigt, dass dieses Konzept für viele Verbrechensarten funktioniert - von Raub bis zu Drogendelikten. Ob es sich auf Terror anwenden lässt, war bislang unklar. Benmelech und Berrebi geben nun eine Antwort: Ja.

Konkret: Die beiden Ökonomen haben die Beziehung zwischen Humankapital - also den Fähigkeiten der einzelnen Attentäter - und der Produktivität - der Zahl der bei einem Anschlag Verletzten und Getöteten - systematisch untersucht. Sie haben die Angebots- und die Nachfrageseite des Marktes für Selbstmordanschläge untersucht und daraus ein Marktgleichgewicht ermittelt.

Mit zwei Vorhersagen: Erstens sollten fähigere Attentäter für "wichtigere" Anschläge eingeteilt werden. Und zweitens sollten fähigere Bomber effektiver arbeiten und weniger oft scheitern. Salopper formuliert: Nur wenn das Ergebnis den Aufwand rechtfertigt, dann sind fähige Attentäter bereit, für eine Sache zu sterben.

Dieses Modell wurde anhand von realen Daten der israelischen Behörden überprüft - nämlich von 148 palästinensischen Selbstmord-Attentätern, die zwischen September 2000 und August 2005 rund 3000 Israeli verletzt und 505 getötet haben. Das Ergebnis: Die Vorhersagen wurden voll bestätigt. Je mehr Wirkung ein Anschlag haben soll, desto fähigere Terroristen werden ausgewählt. Wesentlicher Faktoren für die Fähigkeit - also das "Humankapital" - sind das Ausbildungsniveau und das Alter.

Ein weiterer Schluss aus den Daten: Selbstmord-Attentäter sind besser ausgebildet und wohlhabender als der Durchschnitt der palästinensischen Bevölkerung. Damit werden - erneut - alle politischen motivierten Ansagen Lügen gestraft, die Armut als Ursache von Terror ansehen.

www.economics.harvard.edu/faculty/
benmelech/papers/Terror[*]Dec06.pdf

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