Große Kostentreiber sind die Ausdehnung des Krankheitsbegriffs und der Lebensstil.
Alpbach. Der Unmut der Sozialpartner über die Gesundheitspolitik prallt an Gesundheitsministerin Maria-Rauch Kallat (ÖVP) ab. In einem "Presse"-Streitgespräch hatten ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer und Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl unisono weitere Gesundheitsreformen gefordert. "Die beiden sind nicht im Parlament, sie haben offenbar übersehen, dass wir ein dickes Paket beschlossen haben." So kommentierte Rauch-Kallat bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen auf Frage der "Presse" die Aussagen der Sozialpartner.
Einschränkend fügte sie hinzu, dass im Gesundheitswesen alles in so raschem Wandel sei, dass "wir jede Legislaturperiode eine Gesundheitsreform vornehmen müssen". Für "schlicht überzogen" hält die Ministerin zudem die Berechnungen Leitls, laut denen es im Gesundheitswesen ein Einsparungspotenzial von zwei Mrd. Euro gebe. "600 bis 900 Millionen Euro sind realistischer", sagte sie.
Worauf gleich ein "aber" folgte. Es sei eine Illusion, dass man die Gesundheitskosten dadurch senken könne, man könne nur die Steigerung bremsen, damit sich der Anstieg nicht zu sehr vom BIP-Wachstum abhebe. "Wir brauchen jede Einsparung sofort für neue Leistungen", so Rauch-Kallat.
In Österreich haben die Gesundheitsausgaben in den letzten Jahren bei gut neun Prozent des BIP stagniert. Alle Experten gehen aber davon aus, dass das nicht so bleiben werde. Vier Gründe sind dafür verantwortlich: Auf der Hand liegen der medizinische Fortschritt und die Alterung der Gesellschaft. Als dritten Grund nannte Uniqa-Personenversicherungs-Chef Peter Eichler in Alpbach die Erweiterung des Krankheitsbegriffes. "Früher war Altern eine schicksalhafte Entwicklung, heute wird es umgewandelt zu einer Krankheit", so Eichler.
Und viertens Lebensstil-bedingte Krankheiten wie die Zunahme der Fettleibigkeit, die ein ernster Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes ist. "Das wird der schlimmste Kostentreiber sein", so Eichler.
Einen Überblick, welche Kosten Krankheiten nach sich ziehen, hat niemand. Manfred Huber, Direktor im Europäischen Zentrum für soziale Wohlfahrtspolitik und -forschung in Wien, zitierte OECD-Studien: Neben den Gesundheitsausgaben gebe es riesige Ausgaben für Arbeitsunfähigkeitsrenten. "Wir geben doppelt so viel aus für vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben wie für Arbeitslosenunterstützungen", so Huber. Für bessere Vernetzung im Gesundheitswesen und eine Steigerung der Transparenz sprach sich auch die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) aus.
"Die strenge Trennung zwischen Spital und niedergelassenen Ärzten ist eine Verschwendung von Ressourcen", sagt sie. Auch Burgstaller glaubt, dass man die Effizienz im Gesundheitswesen erhöhen könne. Auch müssten die Versicherungsbeiträge auf eine breitere Basis gestellt werden - etwa durch Einbeziehung der Wertschöpfung. "Auf Dauer ist es nicht machbar, alles von Löhnen und Gehältern zu bezahlen. Da wird die Solidarität aufhören."